Von Barbara Skriver

Max Mohl: Gandhis gefährliches Erbe. 480 Millionen im Joch der Tradition; C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh; 304 Seiten, 19,80 DM

Reisen will gelernt sein, sagt man. Das Schreiben von Büchern über Reisen fällt schwerer, möchte man hinzufügen, wenn man im Verlagsprospekt liest, Dr. Max Mohl habe sich zur Vorbereitung seiner Indienreise für einige Monate eigens nach Oxford und Cambridge begeben. Daß er sich tief in das Studium wissenschaftlicher Quellen versenkt haben muß, schließt der Leser aus dem für derartige politische Reisebücher ganz ungewöhnlich reichhaltigen Literaturverzeichnis, dem Sachregister und allein 250 Erläuterungen (Zitaten, Statistiken, Nachweisen) Der provokatorische Titel: "Gandhis gefährliches Erbe" wird vermeintlich publikumswirksam vom Titelblatt illustriert, das einen langhaarigen furchterregenden Asketen über der Schulter zeigt. Auch wenn man, neugierig geworden, Kapitelüberschriften wie "Sie tanzt auf der Leiche ihres Gatten" oder "Samtschwarze Augen und ein süßes Näschen" überliest, Enttäuschung und Ärger stellen sich bald ein.

Methodisch geht der Autor folgendermaßen vor: Er landet in Kalkutta, läßt sich von einem Inder bei der Besichtigung der Stadt führen und beraten, reist trotz erheblicher Strapazen "auf indisch" mit der überfüllten Eisenbahn über Benares nach Delhi und Bombay, ein paar Abstecher zum Taj Malta! zum Beispiel eingeschlossen. Die weiten Gebiete des Südens, Ostens und hohen Nordens bleiben ihm unbekannt. Unterwegs besucht er Freunde aus seiner englischen Studienzeit, wird in deren Familien – durchweg europäisch erzogene Oberschicht – eingeführt oder knüpft zufällige Hotelbekanntschaften an.

Das Ergebnis sind breite, sich wiederholende Beschreibungen dessen, was er auf den Straßen sieht: Hunger, Schmutz, Krankheit, die Auswüchse hinduistischen Brauchtums – in einer Sprache, die sich mit der von Boulevardblättern durchaus messen kann (gleich mehrmals klopft er seinen indischen Partnern mal gehörig "auf den Busch"). Dem solcherart auf Leichtverdauliches eingestellten Leser mutet Mohl außerdem jedoch zu, daß er Englisch versteht und sich für Fachausdrücke in Sanskrit oder Hindi interessiert. Die wissenschaftliche Untermauerung all dessen, was Mohl vorher in natura beobachtet hat, wird sozusagen nachgereicht.

Unentschuldbar ist dabei jedoch die Nachlässigkeit, daß er manchmal den Bericht eines Gesprächspartners ebensowenig in Anführungsstriche setzt wie in indirekter Rede wiedergibt, so daß offenbleibt, ob wir ein Zitat oder einen eigenen Kommentar vor uns haben. Das Gesagte erhält den Schein des Allgemeingültigen, zum Beispiel "Die Arbeiter streiken, die Studenten sind respektlos, die Frauen verlangen Gleichberechtigung. .. Die Jugend glüht vor feindseligem Stolz" (S. 29). "Ihre (der Inder) Geschichte ist religiös, ihre Kultur ist religiös... Es (Indien) ist emotional, weltverneinend" (S. 163) oder: "Sie (die Bauern) leben wie im Mittelalter ..., von Ackerbau und Viehzucht verstehen sie rein gar nichts" (S. 54). Wieviel versteht wohl der Autor tatsächlich von den Problemen der indischen Landwirtschaft? Er gibt ausführliche Darstellungen der Landreformen, der genossenschaftlichen Entwicklungsprojekte der Regierung und der religiösen Bewegung eines Vinoba Bhave. Dies läßt sich alles in Sekundärquellen in deutschen Bibliotheken nachlesen.

Die gesellschaftliche Wirklichkeit des indischen Dorfes kann man indes schwerlich bei einer vormittäglichen Autofahrt durch ein paar stadtnahe Dörfer mit einem indischen Fachmann gewinnen. Neu und informativ wären Antworten auf etwa folgende Fragen: Wie haben sich diese regierungsamtlichen Pläne ausgewirkt, in Kerala anders als im Panjab? Wie reagieren die gerade dem Analphabetentum entwachsenen jungen Dorfbewohner auf jene technischen und organisatorischen Verbesserungen? Wie steht es mit dem Problem der rasch zunehmenden Prozentzahl landloser Bauern, wo liegen Gefahren und Auswege? Warum erfahren wir neben einer so ausführlichen Darstellung der Praxis und Theorie des Kastensystems so wenig darüber, ob es, wie Nehru einmal gesagt hat, gelungen sei, die Anarchie als Folge der Auflösung dieses alten Ordnungssystems zu vermeiden, indem man etwas anderes an die Stelle der Kasten setzt?