Der deutsche Aktienindex liegt nur noch wenig über seinem bisherigen, Anfang August erreichten Jahrestiefstand. Die nicht abreißenden Nachrichten über Dividendenkürzungen, abnehmende Auftragsbestände und Produktionsdrosselungen zehren an den Kursen. Wer möchte sein Geld noch in Industrien stecken, bei denen die Stagnation Einkehr gehalten hat und der Gewinnschwund immer deutlicher wird? Zahlreiche Wertpapierexperten weisen zwar darauf hin, daß dies die natürlichen Folgen einer jahrelangen Restriktionsperiode sind, daß sie zu erwarten waren und schon weitgehend in den heutigen vergleichsweise niedrigen Kursen zum Ausdruck gebracht worden sind – aber haben sie auch vorausgesehen, daß die Staatsfinanzen in eine Krise geraten würden, deren Ausmaß den Vizekanzler a. D. Erich Mende zu der schockierenden Prognose veranlaßte, daß in den 70er Jahren eine neue Währungsreform unvermeidlich wäre?

Solche Äußerungen – und noch mehr das Ansteigen der NPD-Stimmen in Hessen und Bayern – haben dazu geführt, daß ausländische Besitzer deutscher Aktien zu Beginn dieser Woche an den deutschen Börsen wieder auf der Verkäuferseite standen. Die großen deutschen Kapitalanleger, vor allem die Investment-Fonds, waren nicht bereit, dieses Angebot ohne weiteres aufzunehmen. Sie forderten Preiskonzessionen und erhielten sie. Wieder einmal bestätigte sich die Richtigkeit ihrer Politik der vorsorglichen Liquidität. So lange nicht klar erkennbar ist, wie die neue Regierung aussieht, welche Wirtschaftspolitik sie zu betreiben gedenkt und auf welche Weise sie die drohende Finanzkatastrophe abwenden will, ist schwerlich zu erwarten, daß die vorhandenen flüssigen Mittel der Fonds in Aktien angelegt werden.

Wenn sich schon die "Großen" zurückhalten, dann darf sich niemand wundern, wenn es nicht gelingt, die Aktien "Sparer" zum Aktienkauf zu bewegen. Das spürt auch das Volkswagenwerk, dessen Aktionäre viel weniger freudig an der Kapitalerhöhung teilnehmen, als angesichts der bislang noch ausgezeichneten Ertragskraft der Gesellschaft und ihrer Popularität zu erwarten war. Sicherlich haben zahlreiche VW-Aktionäre auf den Bezug der jungen Aktien erst in den letzten Tagen verzichtet, als nämlich deutlich wurde, daß der Fortfall bisheriger Steuervergünstigungen (zum Beispiel Kilometergeldpauschale für Arbeitnehmer), höhere Verbrauchssteuern, die teilweise Kürzung von Weihnachtsgratifikationen und der Abbau Von Überstunden das tägliche Leben von nun an teurer machen werden und künftig das für das Sparen verfügbare Geld knapper wird. Nur wenn berücksichtigt wird, daß die VW-Erstzeichner ihre Papiere seinerzeit mit einem Sozialrabatt von 10 bis 20 Prozent erwerben konnten, liegen die heutigen Notierungen der VW-Aktien noch über dem Einstandskurs. Von dem Wachstum des Wolfsburger Weltunternehmens hat der Aktionär seit Erwerb der Papiere "nur" über die Dividende profitiert. Die seither verdienten und versteuerten Hunderte von Millionen Mark kommen im Kurs nicht zum Ausdruck. Das Wachstum des Vermögens wurde nicht honoriert.

Zu den "konjunkturgeschädigten" Unternehmen rechnet die Börse jetzt nicht mehr allein die Automobilindustrie, die Bauwirtschaft, Eisen und Stahl und den Maschinenbau, sondern auch die Kaufhäuser, die bislang ganz oben auf der Konjunkturwelle schwammen. Die zu erwartende Stagnation im Wachstum der Massenkaufkraft (es besteht sogar die Möglichkeit einer Rückbildung) wird sich zwangsläufig in den Kassen der Warenhäuser niederschlagen. Davon werden die großen Warenhauskonzerne zwar nicht in ihrer Existenz bedroht, doch gilt es als wahrscheinlich, daß auch bei ihnen die Gewinne pro Aktie schrumpfen werden. Was das in einer Branche bedeutet, die sich inmitten einer kostspieligen Investitionsphase befindet, muß abgewartet werden. "Vorsichtshalber" sind die Kurse der Warenhausaktien erst einmal kräftig reduziert worden.

K. W.