In den ärgerlichsten Konkurrenzen des Sports geht es nicht um Zentimeter oder Zehntelsekunden; sie werden auch nicht durch Tore, Punkte oder K.-o.-Schlag entschieden. Es sind Konkurrenzen, in denen Fehde zwischen sogenannten Hochburgen herrscht. An den Schießscharten stehen Vorsitzende und Geschäftsführer, Vereins- und Verbandsvertreter, Leute gemeinhin, die mit dem Wort "Funktionäre" gekennzeichnet werden. Auf den Türmen der Hochburgen weht das Banner des Lokalpatriotismus. Und zuweilen schwirrt ein Giftpfeil über die Zinnen. Wer vom Sport mehr kennt als den Kampf auf den Bahnen, Pisten, Feldern, der weiß von einer ganzen Anzahl solcher Konkurrenzen. Keine ist gegenwärtig heftiger als diese, in der es sich zur Winterszeit ums Segeln dreht:

Sollen die Olympischen Segelwettfahrten 1972 auf der Kieler Förde oder vor Travemünde ausgetragen werden? Die Frage, so leicht gestellt wie schwierig zu beantworten, wird in Klubwie Rathäusern, an Bartheken wie in Ministerialbüros diskutiert. Für die Männer, die sie beantworten sollen, an ihrer Spitze Willi Daume, Präsident des Deutschen Sportbundes und des Nationalen Olympischen Komitees, wirft sie kein geringes Problem auf. "Im deutschen Sport gibt es zwei große Rivalitäten", hatte Willi Daume vor Monaten einmal gesagt, "im Skilauf zwischen dem Schwarzwald und Bayern und im Segeln zwischen Hamburg und Kiel." Inzwischen ist die Rivalität zwischen Hamburg und Kiel, zugespitzt auf das Olympia-Segeln, noch größer geworden.

Ärger wird offenbar

Der Ärger wurde im selben Augenblick offenbar, da der deutsche Sport seinen Triumph auf sportdiplomatischem Parkett feierte: als im April in Rom der Kongreß des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) die Olympischen Spiele 1972 nach Deutschland vergab und München Olympia-Stadt wurde. München hatte unter anderem mit einem Slogan geworben, der perfekte Organisation verheißt; man offerierte das" Olympia der kurzen Wege". Rasch und leicht sollen 1972 alle Kampfstätten zu erreichen sein. Der kurze Weg von München zum Regattarevier der Segler freilich wird ein Flugweg sein. Gesegelt wird an der deutschen Wasserkante, genauer: vor der Ostseeküste.

Auch wenn man Bayerns Seen nicht als "überschwemmte Wiesen" abtun darf, bleibt für sportlich einwandfreie Segelwettfahrten aller Bootsklassen Raum genug nur an der offenen See. Bei der Bewerbung Münchens argumentierte die deutsche Delegation daher mit Kiel als Austragungsort der Segelregatten. Das hatte einen simplen Grund: das Kieler Segelrevier ist weltbekannt.

Noch während man in Rom mit Sekt und Bier Münchens Erfolg feierte, konnte man aber schon erfahren, daß es "Kulissengefechte" um die Segelwettfahrten gäbe. Und Dietrich Fischer, Präsident des Deutschen Seglerverbandes, wandte sich offen gegen Kiel: "Im Vergleich zu Kiel sprechen einige entscheidende Vorteile für Travemünde." Dieser Satz sollte einen Rattenschwanz an Gegensätzen zur Folge haben. Ihren tieferen Ursprung haben sie in der alten ärgerlichen Konkurrenz zwischen den Segelsport-Hochburgen Kiel und Hamburg. Es war seit langem schon ein offenes Geheimnis, daß zwischen dem Kieler Yacht-Club und dem an der Alster residierenden Norddeutschen Regatta-Verein eine Art Spannungszustand besteht. Das war schon so, als der Kieler Yacht-Club noch Kaiserlicher-Yacht-Club hieß und der Norddeutsche Regatta-Verein darauf bedacht war, hanseatischen Bürgerstolz vor Fürsten-Rennstandern zu wahren. Es ist heute noch so, da mittlerweile der Norddeutsche Regatta-Verein, der sicherlich wohlhabendste Segelklub in Deutschland, die Kieler vielleicht ein bißchen "provinziell" findet. Im vergangenen Sommer sah es so aus, als würde der Spannungszustand in den Kriegszustand übergehen.

Daß plötzlich Lübeck-Travemünde im Wettbewerb gegen Kiel aufkreuzte, hat man in Kiel als ein Hamburger Manöver werten müssen. Vorsitzender des Norddeutschen Regatta-Vereins ist Dietrich Fischer. Daß er auch Präsident des Deutschen Seglerverbandes ist, macht ihn zum einflußreichsten Mann an Segelsport-Vorstandstischen. Sein Einfluß ist allerdings nicht nur in diesen Ämtern begründet. Es wäre albern, ihn hier mit Vokabeln wie "hochgebildet", "kultiviert", "kunstsinnig" oder simpel "reich" charakterisieren zu wollen. Seine Persönlichkeit hat Anspruch auf diffizilere Würdigung; und so sei lediglich festgestellt: der Holzhändler und Unternehmer Dietrich Fischer, der auf Gut Gülzow (zwischen Hamburg und Lübeck) sein Refugium hat, ist ein Weltmann par excellence.