Marianne Kesting hat in der ZEIT Nr. 41/1966 den von Rul Gunzenhäuser und mir herausgegebenen Band "Mathematik und Dichtung" rezensiert. Daß sie falsch über ihn informiert, sei am Beispiel des Aufsatzes von Norbert Ulrich nachgewiesen.

Frau Kesting behauptet, daß Ulrich "die unendliche Anzahl möglicher Stilkomponenten auf drei (reduziert)

Ulrich dagegen schreibt, er wolle "für das geometrische Modell annehmen, daß wir es nur mit drei Stilkomponenten zu tun haben". Er betont jedoch noch auf der gleichen Seite: "Was hier für drei Dimensionen gilt, läßt sich ohne weiteres auch auf den allgemeinen, mehrdimensionalen Raum übertragen, der zwar einer anschaulichen Darstellung nicht mehr zugänglich ist, für den jedoch ausnahmslos die gleichen mathematischen Relationen gelten."

Frau Kesting: "Er (Ulrich) überprüft einen literarischen Text an Hand von Versuchspersonen, die er in "Experten" und literarisch Interessierte’ aufteilt, und ermittelt, welchen Text diese Gruppen als ,persönlich‘ oder als ,unpersönlich‘ empfinden."

Richtig ist dagegen, daß Ulrich über einen Test des Amerikaners Carroll berichtet: "Als subjektive Maßstäbe bezeichnete er (Carroll!) die Beurteilungen, die eine Reihe von Experten und literarisch interessierten Versuchspersonen zur Charakterisierung der vorgelegten Texte gaben. Um eine vergleichbare Beurteilung zu ermöglichen, legte er (Carroll) diesen Versuchspersonen ein Schema von Skalen vor, deren Endpunkte durch Gegensatzpaare wie lebendigfarblos‘ gekennzeichnet waren."

Frau Kesting: "Das bringt er (Ulrich) dann in Statistik – mit magerem Ergebnis natürlich." Richtig ist, daß nicht Ulrich, sondern Carroll statistische Ergebnisse vorgelegt hat, daß Ulrich diese kritisiert und Vorschläge für eine Verbesserung des Catrollschen Verfahrens macht.

Frau Kesting behauptet, daß "die Mathematiker die bisherige Literaturforschung, deren Methoden sich inzwischen sehr differenziert und kompliziert haben, quasi als nicht existent behandeln"; sie behauptet ferner, "die Kriterien ‚persönlich‘ und ‚unpersönlich‘ (die zu Carrolls Gegensatzpaaren gehören) seien "von nahezu grotesker Irrelevanz". Tatsache ist, daß rund die Hälfte der Mitarbeiter dieses Bandes zur "bisherigen Literaturforschung" beigetragen haben (und beitragen, werden), daß zum Beispiel der Prager Stilstatistiker L. Dolezel (und nicht nur er) geradezu programmatisch die Anknüpfung an die moderne nichtmathematische Literaturwissenschaft fordert (und diese Forderung auch erfüllt); daß selbst der von Ulrich zitierte Carroll alle seine Kriterien der herkömmlichen Literaturkritik entnommen hat (also auch "persönlich-unpersönlich"). Selbstverständlich kann es sinnvoll sein, von einem "persönlichen" oder "unpersönlichen" Schreibstil zu sprechen.