Von Max Brod

Die Tenzone, das Kampfgedicht, war zur Zeit der provençalischen Ritterdichtung politischer Ausdruck nicht nur der Opposition, sondern moralischer Entrüstung überhaupt, war Werkzeug der heftigsten Angriffe gegen die Mißstände der Zeit, wie sie etwa der Troubadour Bertrand de Born (zuletzt von Rudolf Borchardt meisterhaft übersetzt) wütend losgelassen hat. Das "Rügelied" stand gleichberechtigt neben dem Liebeslied, die Tenzone neben der Canzone. Ich weiß nicht, ob Georg Strauß, der seit vielen Jahren in Tel-Aviv lebende Dichter, bewußt an diese alte Tradition anknüpft; jedenfalls bewegt er sich in den Bahnen seiner ritterlichen Vorgänger. Das beweisen die beiden erstaunlichen Gedichtbände, die er jetzt vorlegt –

Georg Strauß: "Höllisches Jahrzehnt" (1933 bis 1943); Verlag Werner Classen, Zürich; 100 S., 19,50 DM

"Davidia – Griechische Elegie"; Verlag Werner Classen, Zürich; 96 S., 9,50 DM.

Man hat sich heute angewöhnt, politische Satire in leichten Ton des Chansons, des Bänkelsangs hinzutupfen. Bei Georg Strauß werden im "Höllischen Jahrzehnt" andere Mittel eingesetzt, um das Infame zu zerschmettern: eiserner Ernst, Verzweiflung, Liebe zur "verschleierten Geliebten", zur abendländischen Kultur, eine Anhänglichkeit an das Deutschtum, an Toscana, an Wien, de er niemals aufgibt; all dies in zuchtvoll geschlossenen Vierzeilern. Sie tragen die aufgestaute Energie einer leidenschaftlich leidenden Seele heran. Den ermordeten Freunden in Theresienstadt und anderwärts sind geltende Verse nachgeschickt, den Gefährten, von denen der entsetzte Sänger meldet:

Namenlos verscharrt in Massen,

Wo sie eingestallt wie Vieh