Natur – wiedergutgemacht – Seite 1

Ein riesiger schwarzer Büffelkopf scheint die Erde zu küssen, "Porträt eines Bisonbullen" heißt das Photo. Das gewaltige Tier mag zu Tode getroffen daliegen: das gelbe Horn ragt noch gefährlich auf, das dunkle Auge scheint zu träumen. Unvermeidlich stellen sich romantische Gefühle ein, wenn man Bilder sieht vom amerikanischen Kontinent, wie er einst war. Die weißen Einwanderer töteten nicht nur die Indianer; sie knallten Millionen von Büffeln ab; sie veränderten die Oberfläche der Prärien und Felsengebirge; die Neue Welt ist das Produkt einer tödlichen Verwundung der reichsten Natur, die die Erde zu bieten hatte.

Tief in der Seele des Amerikaners steckt deswegen ein Schuldgefühl. Mit der ihm eigenen Aktivität kompensiert er es durch eine erfinderische und manchmal geradezu missionarische Pflege der Restbestände. Die wundervollen Naturschutzparks in den Vereinigten Staaten sind ein Ergebnis dieser "tätigen Reue"; die zahllosen schönen Bildbände amerikanischer Drucker, Photographen und Autoren ein anderes. Die Monatsschrift National Geographie wurde zum Pionier dieser Wiederentdeckung der Natur; in ihrem Geiste und auf ihrem wissenschaftlichen Niveau entstanden auch die Buchreihen des Verlages Random House – nach den Plänen der Chanticleer Press,

Es ist ein bemerkenswerter Gewinn für den deutschen Büchermarkt, daß der Verlag Droemer Knaur, München, diese Werke übersetzen und bei Conzett & Huber in Zürich herstellen ließ. Sie sind atemberaubend schön gedruckt, typographisch elegant angelegt und bringen dem Leser den Stoff ganzer "Kontinente" der Naturkunde ins Haus. Wie angenehm, daß die amerikanischen Autoren jeden wissenschaftlichen Bombast meiden; sie schildern frisch und einfach, ohne trivial zu werden. Das Englische ist für die Faßlichkeit des Ausdrucks ein flexibleres Medium; aber auch die sorgfältigen deutschen Übersetzungen lesen sich leicht, ja sogar unterhaltsam.

Erschienen sind in der Reihe "Knaurs Kontinente in Farben" die beiden Bände –

Ivan T. Sanderson: "Nordamerika"; 121 einfarbige und 101 mehrfarbige Abb., 25 Karten und Darstellungen, 300 S., 58,– DM Leslie Brown: "Afrika"; 128 einfarbige und 102 mehrfarbige Abb., 19 Karten, 300 S., 65,– DM.

Die Freude und der Eifer der Amerikaner, zu konservieren und zu präsentieren, was an natürlicher Natur noch anzutreffen ist, beschränkt sich nicht auf Amerika. Längst eroberte National Geographie friedlich und mit Kodak die Welt. Die Natur als ein einziges riesiges Museum, eine Schmetterlingssammlung unter Glas – das ist das Ergebnis. Aber erstaunlicherweise ist dieses Museum äußerst lebendig; nicht nur in den bewegten Bildern eines Walt Disney, auch in dessen Büchern, über deren Texten und Photos so gar kein Staub liegt. Ganz ohne Romantik: Es ist eine Augen- und Denklust eigener Art, die hier geweckt und befriedigt wird.

Nicht weniger als für die Reihe der Kontinente gilt das für "Knaurs Naturgeschichte in Farben". Auch davon liegen bisher zwei Bände vor:

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Marston Bates: "Tierleben"; 245 Abb., davon 100 farbig, 316 S., 39,50 DM

Kirtley F. Mather: "Die Erde"; 240 Abb., davon 116 farbig, 320 S., 39,50 DM.

Die sichere Hand des Redakteurs placiert Bild und Text so übersichtlich und spannend, daß auch jüngere Leser diese Bücher wie Karl May verschlingen, ermutigt man sie nur, hineinzuschauen.

Wenn der etwas fatale Begriff "Lebendiges Wissen" irgendwo aktuell und ehrlich angewandt werden darf, dann auf diese Bände. Sie zeigen übrigens, wieviel diese neue große Dimension des Druckens der Life-Photographie verdankt. Diese Illustrierte erzog eine Generation von Photoreportern, die uns neue Horizonte des Sehens erschlossen; der technische Fortschritt der modernen Photographie und des Farbdrucks gab ihnen die Mittel in die Hand. Das Auge ist nun freilich so verwöhnt, daß es Schwarzweißphotos gern Übersicht und sich allein von den proten Farbbildern zufriedengestellt findet.

Fasziniert von den Entwürfen seiner eigenen Geschichte, sieht der Mensch in der Natur zunächst nur die Bühne und den Nährboden für seine Taten und Untaten. Es ist ein schöner Zug von Dekadenz, daß er in der zivilisatorischen Entfremdung die Natur um ihrer selbst willen zu lieben beginnt. Diese amerikanischen Bilderbücher sind der farbenprächtige Versuch einer späten Wiedergutmachung. Er ist gelungen.

Thilo Koch