Die Kolonne kam an einem dunklen Septembertag bei fünfzehn Grad Kälte in Norilsk II an. Es waren die Schwachen, Rekonvaleszenten, Kranken. Wir, die man in Norilsk bei den großartigen Bauten und in den Bergwerken, unter den ausgewählt kräftigen Männern – vor kurzem hatten wir noch zu ihnen gehört – nicht mehr brauchte. In Norilsk lagen sogar im Krankenhaus nur lebensstarke Männer. Die Prellungen und Verletzungen erlitten hatten oder bereits mit dem Tod rangen. Wir aber hatten uns den zwölf (einigen zufolge siebzehn) Kilometer weiten Weg nur mühsam dahingeschleppt, viele Stunden lang und so sehr frierend, als sei es wirklich schon Winter.

Eine unbewohnte, kalte Baracke, leere Pritschen empfingen uns, besser gesagt, sie empfingen uns nicht, sondern standen gleichgültig da. Allerdings gab es Kohle – Kohle gibt es hier überall –, und die Wände der großen, aus Petroleumfässern angefertigten Eisenöfen begannen alsbald zu glühen. Wir fanden auch Petroleum, mitten in der Baracke stand ein voller Kanister. Aber weder Brot, noch Wasser, noch Gefäße, in denen man Schnee hätte schmelzen können. Ein paar Flaschen mit abgebrochenem Hals kamen zum Vorschein. Sie dienten als Öllampen. Aus der Wattierung unserer Jacken entstanden die Dochte, angefertigt von denen, die sich auf so etwas verstanden und die weniger schwach waren oder sich weniger gehenließen. „Die haben uns zum Sterben hierher gebracht“, flüsterte jemand. Er kam vom Ofen, wo es ihm gelungen war, seine Fußlappen zu trocknen.

„Es ist Norilsk II, der berühmte Straf-Isolator“, sagte ein dritter mit erzwungenem Gleichmut. „Wußtet ihr das nicht? Von hier gibt es keine Rückkehr...“

Am nächsten Morgen weckte uns das Rattern eines Motors. Auf dem harten, vom Wind glattgedengelten Schnee kam ein Traktor herangefahren. Seine Gleitketten hinterließen im Schnee keine tieferen Spuren als die Tanks an heißen Sommertagen im aufgeweichten Asphalt der Straßen. Er schleppte drei Anhänger auf den Hof vor der Baracke. Dort wurden von zwei Anhängern viele Säcke Mehl, Fässer gesalzene Fische, Fleisch und andere Lebensmittel, vom dritten aber Kessel, Geschirr, Decken, Kleidungsstücke und Brot abgeworfen. Nachdem sich der Traktor entfernt hatte, wurden wir angewiesen, die Fässer wegzurollen und die Sachen hineinzutragen; die Mehlsäcke schichteten wir im Hof wie Klafterholz auf. Hier brauchte man nicht zu befürchten, daß sie naß würden ...

Dann zeigten uns die Wächter, daß es unweit der Baracke, an der tiefsten Stelle des Tales, sogar eine Quelle gab. Man brauche nur die Eisschicht mit Beil und Picke aufzuhacken; unten gäbe es immer Wasser. Wir erhielten Beile, Picken, Stemmeisen. Bald stieg über dem Schornstein der Küche eine dicke Rauchsäule auf. Wir aßen bereits Brot, und niemand dachte mehr daran, daß man uns zum Sterben hierher gebracht habe.

Die Kranken wurden, wie überall in der Welt, entweder gesund, oder sie starben. Wir hatten gute, menschliche Ärzte: Mit den Lebensmitteln hatte man uns auch Medikamente geschickt. Damals war Norilsk II bereits eine Heilanstalt, kein schlechter Kurort, wo die Kranken, ja sogar die unheilbar Kranken, sorgfältig gepflegt wurden.

Das Leben nahm seinen Anfang in dieser unserer im Werden begriffenen eigenen Republik, aus der man nur nicht nach Belieben auswandern konnte. Doch nicht dies war das größte Übel, sondern daß jene, die für gesund erklärt wurden, zur Arbeit zurückkehren mußten.