Die bisher größte Retrospektive des Malers wurde in Paris eröffnet

Von Jürgen Claus

Brennt Paris? In diesem Fall: vor Neugierde, ihn zu sehen? Ist er das Gespräch des Tages, seitdem die Regierung, vertreten durch Minister André Malraux, und die Stadt Paris annonciert haben, den 85. Geburtstag des Spaniers in den überdimensionalen Sälen des Grand Palais und des Petit Palais zu feiern? Durch Ausstellungen, wohlverstanden, die "alles Bisherige hinter sich lassen".

Michael Sonnabend, der mit seiner Gattin Ileana in der baufälligen Rue Mazarin die einzige Pop-Galerie in Paris führt, reagiert gelassen: "Weißt du, wer zu ihm kommt, wird auch zu uns kommen. Sind wir nicht die einzige Alternative zu Picasso?" Mathias Fels, Leiter einer Galerie am Boulevard Haussman, die die heute Dreißigjährigen vertritt, winkt ab: "Mein Vater hat ihn gekannt, hat auch über ihn geschrieben. Für mich... Non!"

"Picasso?", wiederholten fragend ein paar besonders Schelmische, "du meinst den griechischen Maler, den alle Welt vergessen hat?" Und in der Tat reizt die ständig und überall vorgebrachte Versicherung von der einzigartigen, alles übertreffenden Genialität des Mannes Picasso dazu, sich dumm, besser: naiv zu stellen, und sei es auch nur zum Pseudo-Scherz.

Wer in diesen Tagen in Paris Picasso sehen will, wird Geduld mehr noch als Interesse mitbringen müssen. Ein Zyniker, der am Eröffnungstag der "Hommage à Pablo Picasso" die Schlangen vor dem Grand Palais sah, fragte, ob ein Leichnam zu besichtigen sei.

Die Neugierde auf Picasso hätte nur von einem Ereignis übertroffen werden können: von Picasso selbst. Der aber kam nicht, obgleich Freunde, wie man hörte, die Hotelzimmer für ihn reserviert hatten. Picassos Kommentar zu dieser Hommage: "Alles in allem das Inventar von einem, der so heißt wie ich." Was ihn nicht hinderte, zur besseren Ehrung dessen, der so heißt wie er, hundert Bilder aus seinem eigenen Besitz auszuleihen. Aus Moskau waren einen Tag vor dem großen Ereignis noch einige der bedeutend-’ sten Picasso-Bilder angeflogen worden.