Nach dem Brühne-Prozeß – die bitteren Erfahrungen der Gertrud Becherer

Von Heiner Molsner

Der Nachmittag, an dem Rechtsanwalt Heinz Pelka zum erstenmal Notiz nehmen konnte von der in München lebenden sächsischen Serviererin Gertrud Becherer – dieser Nachmittag war düster; als Zeuge im kürzlich nur vorerst abgeschlossenen Münchener Becherer-Prozeß erinnerte sich Pelka daran noch "wie heute". Er hatte damals in seiner Kanzlei über dem eben ergangenen, in der Presse noch heftig umstrittenen Schwurgerichtsurteil gegen Vera Brühne und seinen Mandanten Johann Ferbach gebrütet, als das Telephon klingelte. Pelka hob ab – was dann geschah, schilderte er jetzt, sechs Jahre danach, detailliert den Becherer-Richtern: "Eine weibliche Stimme, furchtbar aufgeregt, sehr hastig, schrie mir entgegen: ‚Ich hab’ von dem Urteil erfahren ... Das ist unmöglich! Das gibt’s ja gar nicht! Das stimmt nicht!" Pelka: "Ich war wie vom Donner gerührt."

Nur noch ein mattes Grollen ist heute von dem Donnerschlag übrig, der das Brühne-Urteil erschüttern sollte. Was mit der Dramatik eines mittleren englischen Krimis begann, schleppt sich seit Jahren als Meineidsprozeß hin, der längst alle Beteiligten, außer Gertrud Becherer selbst, anödet. Zu Unrecht; denn ganz gleich, ob die 48 Jahre alte Aushilfsserviererin eine hysterische Klatschbase ist – wie zwei Gerichte meinten – oder eine Frau, die durch Leistung von Rechtshilfe ihrer Bürgerpflicht genügen wollte: ihr Fall ist exemplarisch.

Er zeigt, wie riskant es ist, Zeuge zu sein. Und er gibt einen Hinweis auf Dinge, die da kommen werden – denn das Becherer-Verfahren war nur Nummer eins in einem ganzen Rattenschwanz von Zeugenprozessen, mit denen aller Voraussicht nach der Versuch enden wird, das Urteil Brühne/Ferbach aus den Angeln zu heben. Mehrere Zeugen – teils sagten sie schon vor der Verkündung des Brühne-Schuldspruches aus, teils erst danach – müssen darauf gefaßt sein, ihre Aussagen zu dem umstrittenen Fall auf der Anklagebank zu rechtfertigen. Was auf diese Zeugen zukommt: Im Prozeß gegen die Serviererin Becherer wurde es vorexerziert.

"Augen zu, Ohren zu..."

Ihr Mann hatte sie von Anfang an gewarnt. Mehrmals hatte der Kranführer ihr im Dialekt seiner sächsischen Heimat eine stets parate Lebensweisheit vorgehalten: "Gehe nicht zu deinem Ferscht, wenn du nicht gerufen werscht..." Daß Gertrud Becherer in der Tat besser nicht ausgesagt hätte – darin ist sie sich heute völlig mit den Richtern einig, die sie wegen Meineids zu sechs Monaten Gefängnis verurteilten, ihr die bürgerlichen Ehrenrechte für ein Jahr und die Eidesfähigkeit auf Lebenszeit aberkannten. Die einfache Frau zieht aus dem Urteil einen simplen Schluß: "Augen zu, Ohren zu – das ist jetzt meine Devise. Ich melde mich nie mehr als Zeugin, da könnt ich sonst was sehen oder erfahren..."