Auf der Suche nach den Wegweisern der Tiere – Die Königin an der Nylonschnur – Brieftauben werden verfolgt / Von Vitus Dröscher

Einer der interessantesten "Vögel" auf der diesjährigen Ornithologentagung in Göttingen war die Biene. Über eine neue großartige Entdeckung referierte Professor Martin Lindauer, Ordinarius für Zoologie an der Universität Frankfurt am Main.

Es begann, wie so oft in der Geschichte der Wissenschaft, mit purer Neugier. Lindauers Kollege und Mitarbeiter Professor Friedrich Ruttner wollte endlich einmal Augenzeuge der Geschehnisse werden, die sich beim Hochzeitsflug der Bienenkönigin abspielen. Jedem Imker ist die Tatsache des Hochzeitsfluges bekannt, aber noch nie hat ein Mensch beobachten können, was hierbei wirklich passiert. Ein glänzender Einfall ermöglichte es dem Leiter des Bieneninstituts Oberursel, seinen Königinnen und Drohnen das Geheimnis zu entlocken.

Wie jemand, der einen Hund an der Leine führt, so wollte Ruttner eine Bienenkönigin unter Kontrolle behalten. Er band ihr einen dünnen Nylonfaden um die "Taille" und befestigte sie damit an einem Luftballon. So hatte sie in einigen Metern Höhe zwar genügend Flugfreiheit, mußte aber in der Nähe des Forschers •bleiben. Und indem Dr. Ruttner den Kurs der Königin verfolgte, gelangte er früher oder später zu einem Balzplatz der Drohnen.

Das Merkwürdige war: Auf dem Wege dorthin wurde die Königin kaum von Drohnen behelligt. Auf dem Balzplatz hingegen umsurrten, umkämpften und umwarben zahllose Drohnen alles, was nach Königin roch – auch wenn es sich nur um einen mit Königinnenduft getränkten Wattebausch handelte, der am Ballon des Zoologen hing. Sobald er aber die Königin – auch die echte – wieder aus dem Bereich des Balzplatzes herauszog, beachtete sie keine Drohne mehr.

Auf diese Weise ließen sich die Grenzen mit großer Exaktheit bestimmen. Die Balzplätze haben eine Größe von 120 mal 200 Meter. Und was noch seltsamer ist: Diese Versammlungsräume von Drohnen mehrerer verschieden gelegener Bienenvölker sind "Stammplätze". Jedes Jahr liegen sie an genau den gleichen Stellen im Gelände, obwohl es in jedem Jahr andere Individuen sind, die sich dort einfinden. Wer oder was "sagt" also den Drohnen und Königinnen, wo sie den Stammplatz zu suchen haben, der übrigens bis zu sechs Kilometer weit vom Heimatstock entfernt sein kann?

Eine Ortsbeschreibung mit Hilfe der Tanzsprache scheidet aus dem Kreis der Überlegungen aus, da im Stock kein einziges Wesen mehr ist, das im Vorjahr den Balzplatz besucht hat. und darüber Mitteilung machen könnte. Das Phänomen schien völlig im dunkel zu liegen. Da erinnerte sich Dr. Ruttner der schon einige Jahre zurückliegenden Befunde am Maikäfer. Wenn Maikäfer auf einem Acker aus dem Boden ans Licht gekrabbelt und zu ihrem ersten Flug gestartet sind, drehen sie erst ein paar Runden zur Orientierung und steuern dann schnurstracks denjenigen Punkt am Horizont an, der die höchste dunkle Kontur hat. Meist ist das ein Wald, in dem sie sich zum Fraß niederlassen können.