Köln

Wer in Köln wohnt, ahnte manchmal, daß etwas faul im "Klingelpütz" war. Mitunter hörte man etwas von "unhaltbaren Zuständen", manchmal brachen Häftlinge aus und kletterten am hellichten Tage über die Gefängnismauer, was aber nur zu sehr dazu angetan war, den kölschen Sinn für Komik zu reizen: Der Klingelpütz wurde als "fideles Gefängnis" zum Karnevalsschlager, mit dem unausgesprochenen Refrain: So schlimm wird es schon nicht sein.

Doch – für den Geschmack der Verantwortlichen vielleicht nicht ganz vorschriftsmäßig – die Katastrophe brach sich jetzt ihre Bahn. Seit Dienstag der vergangenen Woche wird vor der III. Großen Strafkammer in Köln gegen zwei Klingelpützbeamte verhandelt, die im Gefängnislazarett Dienst taten: Der Oberverwalter Hubert Naudet, 51 Jahre alt, und der Hauptwachtmeister Heinrich Halfen, 44 Jahre alt. Beide stehen wegen vorsätzlicher Körperverletzungen vor Gericht. Was sie – und ihre Dienstkollegen als Zeugen – dazu zu sagen haben, das ist kein Alptraum mehr, das ist – in ungelenken Worten – die Schilderung eines KZ’s mitten in Köln.

Das Lazarett des Klingelpütz’ war als "psychiatrische Beobachtungsabteilung" das Sammelbecken für alle vermutlich geistes- oder gemütskranken Häftlinge aus den Strafanstalten Nordrhein-Westfalens. Noch im Mai 1965 wurde die Abteilung vom Düsseldorfer Justizministerium in "psychiatrisch-neurologisches Krankenhaus" umbenannt, und zwar auf Betreiben des Anstaltsarztes, ohne daß der dreigeschossige Bau den erforderlichen Ansprüchen genügt hätte: Er hatte keinen Wachsaal, lediglich vier Einzelzellen, und von den zwölf Sanitätern waren nur zwei in Krankenpflege ausgebildet, keiner war in der Pflege von Geisteskranken unterwiesen worden. Der einzige Befähigungsnachweis der Beamten war, wie Landgerichtsdirektor Dr. Schmitz-Justen bemerkte, der weiße Kittel, den sie trugen.

Hubert Naudet war ihr Chef, der "Herr Oberverwalter", wie ihn seine Kollegen ansprachen: Nach der Volksschule hatte er als Maschinenstricker gearbeitet, und nach dem Kriege trat er in den Justizdienst ein. Langsam aber stetig kletterte er die Treppe hinauf: Erst war er Hilfsaufseher im Klingelpütz, dann Aufseher, Oberwachtmeister auf Probe, Hauptwachtmeister, Verwalter, Oberverwalter –, zuletzt im Sanitätsdienst. Warum? "Ich bin dorthin befohlen worden." Seine allgemeine Ausbildung hatte er 1950 in "zwei oder drei Monaten" in der Strafvollzugsschule in Hamburg erhalten. Als er Sanitätsdienstgrad wurde, absolvierte er in sechs Wochen einen Kurs in Erster Hilfe. Wie man Spritzen setzt, lernte er von einem älteren Kollegen. Als er 1962 einen zweijährigen Krankenpflege-Kursus besuchen sollte, wurde er nach zwei Monaten krank und mußte abbrechen. Im Laufe der Jahre war er viermal wegen Erschöpfungszuständen beurlaubt gewesen. "Es ist so gewesen", sagt er, "daß ich sehr unter diesem Dienst gelitten habe."

Eine kümmerliche, schmächtige Figur – dieser Naudet, aber die Kollegen hatten Respekt vor ihm. "Herr Naudet war eine ausgesprochene Herrscherfigur", hatte der Verwalter Schneider zu Protokoll gegeben. "Ja, ja", gab er im Prozeß zu, "das trifft den Nagel auf den Kopf. So mußte er ja sein. Er mußte ja Autorität haben."

Naudet war es auch, der den Kranken, die neu in die Anstalt kamen, einen Einführungsvortrag hielt. Der Vorsitzende repetierte nach Zeugenaussagen: "Was sie anderswo gemacht haben, können Sie sich hier nicht leisten. Hier weht ein anderer Wind. Wir haben Mittel und Wege, Sie zur Vernunft zu bringen. Wenn Sie sich aber ruhig verhalten, dann passiert Ihnen auch nichts."