Karlsruhe

Der Folksong ist in Deutschland kein zartes Pflänzchen mehr, sondern hat sich längst zu einem manchmal struppigen, manchmal ruppigen Unterholz ausgewachsen, in dem es singt und klingt, wie einst im Biedermeier, als jedermann Lieder und Verse verfaßte. Um dieses Unterholz musikantischer Anteilnahme am öffentlichen Leben zu sichten, hatte der Süddeutsche Rundfunk einen Folksong-Wettbewerb ausgeschrieben. Lieder von heute wurden gesucht, keine Stars von morgen. "Aussagestarke Texte" und "liedhafte Aussage" erhofften sich die Veranstalter.

Vom Mechaniker bis zum Pfarrer, vom 15- bis zum 70jährigen, kein Stand und kein Alter versäumte es, sein gutgemeintes Scherflein beizusteuern, und auf 210 Tonbändern trug die Post gedanken- und gefühlsschwere Fracht ins Karlsruher Studio des Süddeutschen Rundfunks.

210 neue Melodien auch, denn keiner der Teilnehmer machte sich die wirksame Methode des amerikanischen Folksongs zunutze, alte Lieder mit neuem Text zu versehen.

Und die Texte? Sie zeigten ein Panorama deutschen Unbehagens: Ein Dutzend Vietnamlieder, ein paar Mauerlieder, zwei oder dreimal der Starfighter, einiges gegen den Neonazismus. Aber nichts über den "Bildungsnotstand", wenig über die Berufswelt und nichts gegen die Kirche. Dafür aber religiöse Schnulzen, Erweckungs- und Erbauungslieder, gereimte und vertonte Unzufriedenheit mit allem, mit der Welt an sich, dem Leben überhaupt und der Gesellschaft. Engagiertes Gestammel und holprige Aussage: "Ich bin Solcat und weiß wie’s ist, wenn man ein Mädchen küßt, ich bin Soldat und weiß wie’s ist, wenn man auf Menschen schießt." Häufigste Vokabel in den Liedern: ein lapidares "Warum?".

In einer Live-Sendung stellte der Süddeutsche Rundfunk seinen Hörern die neun Preisträger vor. Eine Joan Baez oder ein Bob Dylan waren freilich nicht dabei, dafür aber viel, viel Seele. Ein Prinz Bajaja wurde besungen: "Oh Prinz Bajaja, bring uns den Frieden, oh Prinz Bajaja, sing uns dein Lied." Ein "Schlaflied" mühte sich redlich um Sprache und Bilder: "daß die Nacht gegen Morgen sich nicht hellt" und "ob deine Hand nicht aus Versehen den Wind zu Staub zerdrückt". Der dritte Preis fiel auf eine Ballade von Wohlstand und bürgerlichem Seßhaftwerden, von Autobesitz und Strichjungen, von Pflastermalerei und Gegnern der Todesstrafe. Der zweite Preis ging an Fasia Jansen, Kennern des deutschen Folksongs ist ihr Name bekannt. Die junge Angestellte aus Hamburg kam an, ihr Lied galt als sprachlich schlicht und musikalisch perfekt.

Den ersten Preis – eine Reise nach Newport zum nächsten Folksong-Festival – erdichtete und ersang sich Robert Schulz, auch er unter Fachleuten kein ganz Unbekannter mehr. Schulz hatte sich als Thema etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Protest gegen den Protest, und daß er sich so freimütig selbst auf die Schippe nahm, trug ihm wohl den ersten Preis ein: "Je weiter das Problem, desto besser das Lied / wie schön für uns, daß es die Bombe gibt" oder: "Es ist uns innere Notwendigkeit / wer nicht reden kann, der schreit". Hermann Ebeling