Berlin

Im Kugelhagel sowjetzonaler Grenzposten gelang in der Nacht zum Sonnabend einem jungen Ostberliner die Übersteigung der Mauer zwischen Pankow und Reinickendorf. Etwa zur gleichen Zeit wurde am Sektorenübergang Chausseestraße im Licht von Leuchtkugeln ein junger Mann überwältigt. Routinemeldungen, für die Nachrichtenredakteure der Hauptstadt-Presse West.

Es muß schon Außergewöhnliches geschehen in Berlin, um betongrauer Mauer-Melancholie einen Farbtupfer aufzusetzen. Es geschah in der vergangenen Woche. Ein Offizier der Nationalen Volksarmee hob die Waffe, schoß und traf. Sein tödlich verletztes Opfer schleppte sich mit letzter Kraft über die Demarkationslinie. Es wurde von einem Zollbeamten geborgen und mit einem Polizeiwagen in das Tierheim Lankwitz gebracht.

Das jüngste Opfer der Mauer war ein namenloses Kätzchen. Keiner kannte es bis dahin, niemandem gehörte es, und nicht einmal die Volksarmisten hatten Anstoß genommen an seinem Gammler-Leben zwischen Bluthunden, Stacheldraht und Maschinengewehren.

Auf der Mauer, auf der Lauer lag ein kleines Kätzchen. Wie sollte es wissen, daß diese Mauer ein antifaschistischer Schutzwall ist? Es wird es auch nicht begriffen haben, als die sozialistische Kugel durch sein Fell drang. Nun ist es berühmt. Ein Opfer Ulbrichts. Ein klägliches Miau wider den Bolschewismus, und "Bild"-Berlin setzte ihr ein Denkmal.

Katzenblut mischte sich mit Hasenschweiß zu anklagender Druckerschwärze. Ulbricht ließ auch Hasen morden. Genau 520 Stück meldete die "Berliner Morgenpost". Die Zeitung kommentierte die stolze Strecke mit einer bitteren Karikatur: Die Mauer, zwei Häschen und maschinengewehrbewehrte Deutsche von drüben. Unterschrift: "Die schießen nur auf Menschen".

Die Wahrheit jedoch ist anders. In der DDR stirbt auch Meister Lampe einen politischen Tod. Ulbricht veranstaltet nämlich eine Treibjagd für das diplomatische Korps. Auf dem Wege zur staatlichen Anerkennung ging der Diktator über Hasenleichen.