Frankfurt am Main

Im Film geht das immer gut aus: Ein Geisterzug jagt über den Schienenstrang der eingleisigen Strecke; aber ehe es dem Publikum im bequemen Polstersessel kalt über den Rücken läuft, greifen kühne Retter ein, wechseln im letzten Augenblick die Fahrtrichtung und bremsen – schweißüberströmt, aber mit eisernen Nerven – das führerlose Ungetüm sicher ab.

Das Leben schreibt andere Geschichten. Zum Beispiel diese: Am späten Nachmittag des 17. November, genau 17.35 Uhr fahrplanmäßig, dampft der Personenzug 2177 der Königsteiner Kleinbahn AG aus dem Bahnhof Frankfurt-Höchst. Die Abteile in den sechs Wagen sind vollbesetzt mit Männern und Frauen, mit Jungen und Alten. Auch kleine Kinder sind dabei, die sich im Kindergarten müde gespielt haben, während ihre Mütter die Schicht am Fließband hinter sich brachten. Schüler machen es sich bequem, die Mappe auf den Knien.

Mit solchen Fahrgästen ist keine Dividende zu machen, auch wenn jährlich zwischen Königstein im Taunus und Frankfurt am Main über zwei Millionen Personen befördert werden. Sie fahren mit verbilligten Sozialtarifen. Die Aktionäre der Bahn – die Hessische Landesbank, die Taunus-Landkreise und die Stadt Frankfurt – müssen jedes Jahr zubuttern, um die Verluste zu decken.

Der Personenzug 2177, der im 45-Stundenkilometer-Tempo durch das herbstliche Liederbachtal bummelt, wird von der einzigen und letzten Dampflok der Gesellschaft gezogen. Oben (genau 224,5 Meter über dem Meeresspiegel) auf dem Bahnhof Kelkheim-Hornau steht "die neue Zeit": einer der sechs modernen Dieseltriebwagen der Königsteiner Kleinbahn AG. In ihm ist alles perfekt. Er hat eine "Tote-Mann-Bremse". Diese bringt den Zug automatisch zum Stehen, wenn der Lokführer nicht in bestimmten Zeitintervallen einen Kontrollhebel betätigt.

Ist wirklich alles perfekt in dem Triebwagen? Der moderne Wagen mit der automatischen Bremse wird den Menschen im Zug Nr. 2177 Tod und Verderben bringen. Der Frankfurter Staatsanwalt Horst Kuhn wird die Trümmer beschlagnahmen und sie in ein Eisenbahn-Ausbesserungswerk bringen lassen. Die Experten sollen herausfinden, wie das Unglück geschehen konnte.

Doch soviel weiß Staatsanwalt Kuhn bereits: Am Unglückstag um 17.30 Uhr "parkte" der 43 Jahre alte Lokführer Alfred Otto seinen Triebwagen auf dem Bahnhof Kelkheim-Hornau. Er ist ein ordentlicher Mann, er hat fünf Kinder zu Hause, seit zwanzig Jahren arbeitet er bei der Kleinbahn AG; von der Pieke auf hat er gedient: Schlosser, Lok-Heizer, Reserve-Lokführer, Lokführer, Triebwagenprüfer. In seinen Personalakten gibt es keinen dunklen Punkt.