Von Gustav René Hocke

Vor einigen Jahren hatte ich mich in eine kleine Stadt Siziliens zurückgezogen, zwischen Syrakus und Ragusa. Dort wollte ich ungestört arbeiten. Der Hochsommer war besonders heiß. Das Meer war weit entfernt. Zerstreuungen gab es nicht. Am Tage glühten die alten Steine der Häuser. Keinerlei Frische brachte der Abend, und den Nächten entströmte betäubende Melancholie. So geschah es, daß mein Zimmer dort mir zu einer Landschaft wurde.

In diesem Städtchen, das aus dem Berge wuchs, als sei es selbst aus geschnitztem, bunt bemaltem Felsen gemacht, wohnte ich in einem einstöckigen verbauten Palazzo. Er stand mit ähnlich unansehnlichen Häusern in einer langen, ansteigenden Straße. Eine breite Treppe führte zur Wohnungstür im Zwischenstock. Eine Vorhalle. Rechts eine mächtige zitronengelbe Tür zu meinem Zimmer. Ich erinnere mich, wie es Nacht vor mir wurde, denn draußen brannte die Sonne wie aus tausend Spiegeln zurückgeschleudert.

Der erste Eindruck war Schatten, der tief aufatmen ließ. Das Zimmer war hoch. Dem Eingang gegenüber prangte eine Fenstertür. Sie führte zu einem Lichtschacht, mit vergilbten Kletterpflanzen bewachsen. Außerdem stand ein ovaler Steinbehälter in einer Ecke. In ihm stagnierte grünliches Wasser. Erst bei genauem Zusehen merkte man, daß drei fette Goldfische träge in der Brühe umherschwammen.

Sobald ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, wurde mein Blick von einem mächtigen, untenschwarzen Klavier gefangen. Es trug kupferne Kerzenleuchter. Man sah noch alte Wachstropfen auf den gewundenen Haltern. Es war 1902 in Leipzig hergestellt worden; ein Ungetüm, das zwei Weltkriege und verschiedene Revolutionen ohne wesentliche Verstimmung überstanden hatte. Eine fransenbesetzte Mantille hing ihm kokett von den Schultern herab. Wenn man sie zurückschlug, um die Tasten freizulegen, hatte ich das Gefühl, man enthülle die Reize einer "Frau von dreißig Jahren", einer vornehmen, hochmütigen Dame.

Hatte sich etwas von der behutsamen Ordnung einer halbvergessenen Welt, vom Frieden von damals, vom Glück des Einfachen in den Steinen und Möbeln erhalten?

Die anderen Möbel... Vor dem Fenster ein runder, massiver Tisch aus der napoleonischen Zeit. Er trug Schreibzeug, eine starr-sachliche Novecentolampe, Rauchzeug, eine Karaffe mit Landwein, Gläser; dazu meine paar Bücher, solche, die in dieser Welt nicht fremdartig anmuteten: Goethe, Homer, die griechischen Tragiker. In einer Ecke, links vom Tisch, erhob sich eine Kommode aus der Wende des Jahrhunderts. Geschnörkelte, langgestreckte Ornamente faßten einen fast geblendeten Spiegel. Der Jugendstil wirkte birkenhaft zart in der auferzwungenen Gesellschaft des klobigen Tisches und des schweren Klaviers. Er hatte etwas Tänzelndes an sich, aber er bewegte sich in einem gereckten Rhythmus, der ihn durchbebte und dennoch steif und linkisch erschien. Es war ein Möbel zu einer Musik von Strawinski; gebaut. Oft hatte ich das Gefühl, als wolle das nußbraune Spiegelkommödchen in einem grotesken Terzsprung à la Petruschka auf die Terrasse stürzen, um die Goldfische zu necken.