Von Wolfgang Werth

Von Hubschrauberpatrouillen kontrolliert, hängt einer hoch über der Stadt am Seil und putzt die "bedeutungsvollen", die "weithin in hellschreiendem Glanz" sichtbaren Buchstaben eher Leuchtreklame. Aber er ist mit dem Ergebnis seines "durchgreifenden Fleißes" unzufrieden. Immer, wenn er die letzte Letter gereinigt hat, sind die ersten bereits wieder verschmutzt. Und solange er schabt und poliert, kann das Schriftbild niemals makellos erscheinen, denn er selbst ist ja "der auffallendste Schönheitsfehler, der sich durch seine Bewegungen auch noch besonders hervortut und so die allgemeine Aufmerksamkeit an sich, den Fremdkörper, zieht".

Die Widersinnigkeit seines Tons verletzt seinen Stolz. Deshalb bereitet er seiner Pein ein Ende. Er legt das Messer ans ohnehin überstrapazierte, brüchig gewordene Halteseil.

Diese Sisyphus-Paraphrase mit black-out, Titelstück des ersten Prosabandes von

Dietrich Werner: "Bemühungen in der Luft und andere Ungelegenheiten"; Rowohlt Verlag, Reinbek; 130 S., 12,80 DM

liest sich fast wie eine unfreiwillige Selbstanzeige. Jedenfalls hat der dreißigjährige Autor ähnliche Schwierigkeiten mit der Schriftstellerei wie der Letternwart mit der Schriftbildpflege. Ziemlich erfolglos bemüht er sich, seinen Sujets den Anschein des Bedeutungsvollen zu verleihen. Sie verblassen ihm unter der Hand und verlieren ihre Kontur wie in den nassen Sand gezeichnete Kritzeleien.

Werners "Ungelegenheiten" sind irreale, nicht sonderlich originäre Zwangsvorstellungen. Sie werden jeweils einem kaum als Gestalt präsenten In oder Er als reale Situation zugeschrieben. Jedesmal wiederholt sich das gleiche Spiel: Die Erzählfigur kann nicht Herr der Lage werden, weil ihr der Autor keine Souveränität zubilligt. Handlung ist hier keine plausible Reaktion auf Ungelegenheiten, sondern sie wird nach Gutdünken durch immer neue Anstöße von außen in Ging gehalten und gesteuert. Werner dirigiert seine Figuren wie Marionetten. Willenlos müssen sie seiner Eigenwilligkeit folgen.