Von Hermann Bohle

Am 5. Dezember treffen sich die Regierungschefs der von den Briten geführten Kleinen Freihandelszone (Efta) in London. Premierminister Wilson will seinen Gang zur EWG von den sechs Partnern einsegnen lassen. Dazu muß er ihnen wohl doch wenigstens ein Minimum über seine Verhandlungs-Marschroute sagen. Erst einmal muß der Verdacht zerstreut werden, eigentlich wolle der Premierminister ihrer Majestät nur der konservativen Opposition innenpolitisch den Wind aus den Segeln nehmen und nachweisen, daß gegen de Gaulle eben nichts auszurichten sei. Und der weitere Verdacht ist zu beseitigen, Wilson wolle nur die eigene Wirtschaft durch Aussicht auf den frischen Wind der EWG-Konkurrenz zur Investitions-Dynamik, trotz Austerity, veranlassen.

Nach der Londoner Chefkonferenz der Efta wird es dann ernst. Die Diplomaten verhandeln schon darüber, wann Wilson, wie geplant, die Hauptstädte der sechs EWG-Staaten besucht. Der britische Premier könnte den Reigen in Paris eröffnen, weil sehr viel an de Gaulles Bereitschaft liegt, sein 1963 verhängtes Veto aufzuheben. Im März sind Parlamentswahlen in Frankreich. Während des Wahlkampfes wird de Gaulle den Gast von der Themse nur empfangen wollen, wenn Paris willens ist, die Tore zu öffnen. Denn die Stimmung des französischen Wahlvolks ist im letzten Jahr zugunsten der Briten umgeschlagen, deren Sympathiepegel bisher unter dem der Deutschen gestanden hatte. Eine Ablehnung des britischen EWG-Beitritts vor der Wahl würde den Gaullisten also schaden.

De Gaulle mag deshalb verlockt sein, dem britischen Premier vor dem Urnengang nur freundliche, aber unverbindliche Zusagen zu machen. Da hat Wilson aber sorgsam vorgebaut. In der letzten Woche ließ er seinen Außenminister zweierlei klarmachen: erstens geht es beim Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft nur um wirtschaftliche Fragen, nicht um die europäische Vereinigung in der Außen- und Verteidigungspolitik; und zweitens denkt London nicht daran, seine besonderen Beziehungen zu den USA im militärischen Bereich zu lockern oder seine Rolle im Orient und in Asien ("östlich von Suez") aufzugeben.

De Gaulle aber verlangt genau das: Er versteht unter seinem "europäischen Europa" eines, das zwar bis auf weiteres mit den USA verbündet, aber im militärisch-strategischen Bereich selbständig sei. Zudem solle England seine Pflichten "östlich von Suez" nicht mehr erfüllen, weil sie die Briten militärisch und wirtschaftlich zu sehr belasteten.

Die Folge – so argumentiert Paris – dieser Belastung zeige sich nämlich in der Abhängigkeit von den USA: Nur die Aufgaben östlich von Suez hätten London zum Kauf von 50 amerikanischen F-l11-Atombombern an Stelle eines französischen Typs geringerer Reichweite gezwungen, also dem Aufbau der britisch-französischen Luftfahrtindustrie einigen Schaden zugefügt. Die hohen Kosten der Rolle Englands in Asien und im Orient könne das kleine Volk einfach nicht mehr tragen. Die periodischen Krisen des Pfund Sterling hätten hier eine ihrer beiden Hauptursachen.

Die andere Ursache liegt nach Pariser und nach Brüsseler (EWG-)Meinung in der Rolle des Pfundes als Reserve-Währung, das jedes Land an Stelle von Gold in den Zentralbanktresoren lagern kann. 25 Prozent des Welthandels werden heute nach Schätzungen noch in Pfund Sterling abgewickelt. Ein Großteil der als Währungsreserven gespeicherten Pfundnoten, welche die Bank von England theoretisch jederzeit in Gold umtauschen müßte, liegen in den USA. Die Stützung der britischen Reservewährung durch Washington ist damit ein echtes politisches Druckmittel: Wenn London sich nicht dem Willen der USA füge, könnten amerikanische Pfundverkäufe England in die nächste Krise stürzen. Nach französischer Meinung zwingt das die Briten nicht allein dazu, "wider besseres Wissen" den Vietnam-Krieg fast ohne Einschränkung zu billigen, sondern auch, den Kurs der USA in der NATO zu fördern.