Rom, im November

Noch Jahre wird Italien unter den Folgen der Unwetterkatastrophe zu leiden haben, die den mittleren, nördlichen und nordöstlichen Teil des Landes in der ersten Novemberwoche heimgesucht hat.

Die Bilanz der Schäden ist erschreckend. 112 Menschen wurden getötet, sechs werden noch immer vermißt. 800 000 Hektar fruchtbaren Landes wurden überschwemmt, 16 000 landwirtschaftliche Maschinen beschädigt. 50 000 Stück Vieh gingen ein. 12 000 Bauernhäuser müssen ganz oder teilweise wiederaufgebaut werden. 200 Milliarden Lire (etwa 1,3 Milliarden Mark) wird allein der Wiederaufbau von Brücken, Straßen, Abwässeranlagen, Wasserleitungen, Eisenbahnlinien und Schulen verschlingen.

Die Katastrophe hat den Staat und die ihn tragenden Kräfte über Nacht auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. In den Augen der Bevölkerung haben sie diese Probe – zumindest in der wichtigsten Phase – nicht oder doch nur höchst mangelhaft bestanden. Die Hilfsaktionen für die Notstandsgebiete liefen viel zu langsam an und waren kaum koordiniert. Florenz fühlte sich zwei Tage lang vom Staat verlassen und ganz auf sich selbst gestellt. Als dann Staatspräsident Saragat eintraf, wurde er von empörten Bürgern der Stadt ausgepfiffen.

Zwei Vorwürfe erhebt die Bevölkerung der Unwettergebiete gegen die staatlichen Organe: Mangelnde Vorsorge bei der Katastrophenverhütung und bürokratische Verschleppung der Hilfsmaßnahmen. Beide Vorwürfe sind wohl zum großen Teil berechtigt. Die Lehren daraus sind allerdings leichter theoretisch zu ziehen als praktisch in die Tat umzusetzen.

Wirksame Katastrophenvorbeugung bedeutet in Italien nicht nur Wildbachverbauung und Flußregulierung, es bedeutet vor allem Aufforstung. Alle Sachverständigen sind sich darin einig, daß die immer wiederkehrenden Überschwemmungskatastrophen von heute der Preis sind, der für den Raubbau von gestern an den italienischen Wäldern gezahlt werden muß. Aufforstung aber erfordert Geld und Geduld. Wirksame Katastrophenhilfe wiederum wird ohne eine grundlegende Verwaltungsreform kaum gewährleistet sein.

"Den Opfern der Überschwemmung", so schrieb die Turiner "Stampa" in einem Leitartikel, "erschien der Staat wieder einmal in der Gestalt des nicht vorausschauenden, alles verzögernden Bürokraten. Wo straffe zentrale Leitung notwendig gewesen wäre, gab es Kompetenzstreitigkeiten. Diejenigen, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen, hatten weder Befehlsgewalt noch Mittel. Tausende von Soldaten gingen in Florenz mit Schaufeln gegen die Schlammfluten vor, weil niemand daran gedacht hatte, ihnen Schaufelbagger und andere maschinelle Geräte zur Verfügung zu stellen. Die linkskatholische Zeitung "L’Avvenire d’Italia zog aus diesen Erfahrungen den Schluß: "Wenn eine Reform nottut, dann ist es die Reform des Staates". Aber noch keine Regierung hat sich bisher an diese Mammutaufgabe herangewagt.