Welche Bücher für welches Alter? – Seite 1

Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Kinder können sich ihre Bücher nicht aussuchen. Sie müssen mit dem auskommen, was ihnen die Großen schenken. Da die Erwachsenen aber überraschend wenig von Kindern (selbst von den eigenen) verstehen, hängt es vom Glück und vom Buchhändler ab, ob Kinder die ihnen angemessene Lektüre erhalten.

Früher war das nicht so entscheidend. Selbst wenn "falsche" Bücher geschenkt wurden: Mutter las aus ihnen vor. Sie konnte erklären, was das Kind nicht begriff, konnte umformulieren, damit der Text genau auf Erlebnisbereich und momentane Entwicklungslage des Kindes zutraf. Überspitzt gesagt: Solange eine Mutter eine Geschichte interpretiert, stimmt und nützt diese Geschichte immer.

In dem Maße, in dem sich die Mütter das Erzählen abnehmen lassen, wird die Sache problematisch. Vier- oder Siebenjährige vorm Fernsehschirm oder vor der Schallplatte sind preisgegeben und hilflos, auch wenn sie das Gehörte und Gesehene spannend und prima finden.

Da nun bekannt ist, daß sich mehr Eltern in dieser Situation gedankenlos-bequem und falsch verhalten, wächst die Verantwortung der Verlage: Schon vor zwei Jahren wurde Maurice Sendaks verrückt gezeichneter Phantasietraum "Where the Wild Beasts Are" mit der Begründung abgelehnt, daß Bilder dieser Art seelischen Schaden anrichten könnten, wenn das Kind mit ihnen allein konfrontiert wird.

Das könnte also heißen: Jedes Buch müßte genau auf die Entwicklungsstufen des Kindes zugeschrieben und gemalt werden.

Die Sache hat jedoch verschiedene Haken: Es gibt zwar Verhaltensschemata für die einzelnen Altersgruppen, und es gibt auch eine Lesealtertheorie. Doch erstens sind die Arbeiten, die sich damit befassen, entweder zu alt, nicht vollständig oder zu vage, und zweitens verschieben sich durch Milieu, Temperament, Geschwisterzahl, Geschlecht, landschaftliche Tradition, Gesundheitszustand und vieles mehr die Grenzen, drängen Vierjährige in die Gruppe der Siebenjährigen und umgekehrt. So kann man nur Allgemeines berücksichtigen: beim Bilderbuch also Bilder, die das Kind von fünf, das noch nicht abstrakt denken kann, zu verstehen vermag. Das scheint nicht schwer, denn die Auswahl ist so groß und die Qualität, wie sooft bestätigt wird, ausgezeichnet.

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Doch gerade in diesen beiden Positiva liegt das wahre Handikap der gesamten Jugendliteratur: Alles scheint so schon ausgewählt, geordnet und prämiiert, daß man einfach nur zu kaufen braucht. Das stimmt nicht und wird nie stimmen, Es sind immer noch die Eltern, die die Lesezukunft der Kinder bestimmen. Und für sie gilt: große Auswahl verwirrt immer den, der kein Auswahlprinzip hat. Außerdem hat die gute Qualität der Bilder- und Kinderbücher in den letzten Jahren das Angebot spürbar zwiegeteilt. Hier künstlerisch Ausgezeichnetes, da der ziemlich abscheuliche Rest.

Wer also in der Qualität wählt, stößt oft auf exquisite Zeichnungen, zum Beispiel von Manfred Vormstein, Dietlind Blech, Marie Luise Pricken, Eva Maria Rubin und Wanda Zacharias. Jedes Jahr schaffen sie preis-reife Bücher, graphische Kostbarkeiten, klassische Bilderbücher für Erwachsene. Nur: Bücher dieser Art nützen nicht so, wie es scheint.

Das soll nun kein Plädoyer gegen die Qualität sein. Auch wenn ein Kind die Bücher der Meister nicht goutieren kann, begreift es unbewußt Schönheit und Modernität und hortet diese erste Erfahrung für die Zukunft. Es soll vielmehr ein Plädoyer für mehr als Qualität sein. Uns fehlt das, was die Engländer mit ihrem (Italiener) Adrizzone stolz den "englischen Ludwig Richter" nennen, warmherziger und trotzdem nicht sentimentaler novellistischer Naturalismus von jener fraglos künstlerischen Qualität, die die oft verspottete "Häschenschule" von Fritz Koch-Gotha von 1923 bis heute lebendig und beliebt erhalten hat.

Dies erstklassige Mittelmaß ist bei uns rar geworden und braucht auf allen Gebieten der Jugendliteratur Ermunterung. Nie wird es überflüssig werden, Bestes zu loben, doch Kinder brauchen auch Mittelmaß, das ihnen mit mittelmäßiger Freundlichkeit ihre mittelmäßige Welt erklärt. Das schützt sie besser vor dem Kitsch.

Mittelmaß macht dem Kind die Hierarchie der Qualitäten deutlich. Vom Bilderbuch an muß es eine breite solide Basis des Lesbaren haben, die Rangfolge und Vergleiche lehrt und Sinn für Qualitätsunterschiede weckt.

Das gilt für alle Lesephasen, für die ersten Schuljahre, nach Alexander Beinlich "das Lesealter eines faktisch noch un ungeschiedenen magischen Realismus", die Zeit der ersten eigenen Lektüre, die in den letzten "Kinderjahren", also in der Vorpubertät (9 bis 12 Jahre) zur typischen Lesewut ausartet, Realismus und Magie durchwehen einander noch, und Bücherschenken ist kein Problem; am Anfang dieser Phase stehen noch die sogenannten Umweltgeschichten, ab 10 und 11 Jahre löst das Abenteuer die letzte Liebe zu phantastischen Geschichten ab. Das gute und große Angebot der Verlage entspricht dieser ersten Explosion der Leselust. Es kann jedoch nicht so groß sein, um die Kinder vor dem Schund zu. retten. Besser als Heftchenverbote ist, daß man sie erkennen lehrt, was Kitsch ist, daß man ihnen also genug Vergleichslektüre zugänglich macht und darauf vertraut, daß ihnen der Kitsch so fad wird, wie er auf die Dauer ist.

Zwischen 10 und 12 Jahren kommen die beiden Jugendbuch-Kategorien dazu, die schon in die Zukunft weisen: Mädchenbuch und Sachbuch. Und jetzt taucht – besonders beim Gedichtlesen – die Freude am schönen Wort, an der poetischen Formulierung auf. Von hier ist es nur ein Schritt in die Probleme der Pubertät (13/14 und 1617 Jahre), die sich in der Lese-Entwicklung dieser Jahre getreulich spiegeln. Beinlich und Charlotte Bühler sprechen von "krisenhaft aufgewühlter" Phase, vom Doppelleben, von "Ersatzbefriedigung des Hungers nach noch nicht gelebtem Leben", "Unfestigkeit, Durchprobieren", "Flucht und Betäubung und Überspielen der Alltäglichkeit". Dazu gehören erste Ideen von einem Lebensplan, Versuche, Mensch und Welt zu transzendieren, erstes Symbolverständnis und differenziertes ästhetisches Empfinden. Jetzt kann das klassische Mittelmaß wieder gar nicht üppig genug ein. Meisterwerke: ja, aber ein Zuviel verdirbt den Appetit

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Mittelmaß für diese Gruppe ist freilich problematisch. Mädchenbücher sind seit ihrer Erfindung unbefriedigend. So richtet sich die Lesewut der Kinder instinktiv auf die "erwachsenen" Taschenbücher, und damit deutet sich die Problematik für die Eltern an. Die Kinder beginnen, keine mehr zu sein, und ob sie zu Eichendorff oder zum Lore-Roman greifen, ist nur ein gradueller Unterschied. Er zeigt, daß die Eltern wie ganz am Anfang notwendig und unentbehrlich sind. Ohne ihren Einfluß kann sich das Kind in die Irre lesen.

Es ist ohnehin schon dabei, mit den Früchten seiner bisherigen Lese-Erziehung zu leben. Wer die Fülle der Welt – am Ende gar interpretiert – geboten bekommen hat, wird weiter Vergnügen und Kritik zugleich empfinden. Wer um diese Fülle betrogen worden ist, wird weiter den Kitsch nicht nur als Lektüre, sondern als Wahrheit verschlingen.

Mag man beklagen, daß die Jugendliteratur nie ganz zweckfrei betrachtet und benutzt werden kann (was sich im übrigen nur auf den Verbrauch und nicht auf die Herstellung zu beziehen braucht), so nützt es doch nichts, wenn man die Zusammenhänge zwischen Entwicklungsphasen und Lektüre verächtlich übersieht. Man macht es damit den Kindern und jungen Menschen nur unnötig schwer, Leser zu werden.