Doch gerade in diesen beiden Positiva liegt das wahre Handikap der gesamten Jugendliteratur: Alles scheint so schon ausgewählt, geordnet und prämiiert, daß man einfach nur zu kaufen braucht. Das stimmt nicht und wird nie stimmen, Es sind immer noch die Eltern, die die Lesezukunft der Kinder bestimmen. Und für sie gilt: große Auswahl verwirrt immer den, der kein Auswahlprinzip hat. Außerdem hat die gute Qualität der Bilder- und Kinderbücher in den letzten Jahren das Angebot spürbar zwiegeteilt. Hier künstlerisch Ausgezeichnetes, da der ziemlich abscheuliche Rest.

Wer also in der Qualität wählt, stößt oft auf exquisite Zeichnungen, zum Beispiel von Manfred Vormstein, Dietlind Blech, Marie Luise Pricken, Eva Maria Rubin und Wanda Zacharias. Jedes Jahr schaffen sie preis-reife Bücher, graphische Kostbarkeiten, klassische Bilderbücher für Erwachsene. Nur: Bücher dieser Art nützen nicht so, wie es scheint.

Das soll nun kein Plädoyer gegen die Qualität sein. Auch wenn ein Kind die Bücher der Meister nicht goutieren kann, begreift es unbewußt Schönheit und Modernität und hortet diese erste Erfahrung für die Zukunft. Es soll vielmehr ein Plädoyer für mehr als Qualität sein. Uns fehlt das, was die Engländer mit ihrem (Italiener) Adrizzone stolz den "englischen Ludwig Richter" nennen, warmherziger und trotzdem nicht sentimentaler novellistischer Naturalismus von jener fraglos künstlerischen Qualität, die die oft verspottete "Häschenschule" von Fritz Koch-Gotha von 1923 bis heute lebendig und beliebt erhalten hat.

Dies erstklassige Mittelmaß ist bei uns rar geworden und braucht auf allen Gebieten der Jugendliteratur Ermunterung. Nie wird es überflüssig werden, Bestes zu loben, doch Kinder brauchen auch Mittelmaß, das ihnen mit mittelmäßiger Freundlichkeit ihre mittelmäßige Welt erklärt. Das schützt sie besser vor dem Kitsch.

Mittelmaß macht dem Kind die Hierarchie der Qualitäten deutlich. Vom Bilderbuch an muß es eine breite solide Basis des Lesbaren haben, die Rangfolge und Vergleiche lehrt und Sinn für Qualitätsunterschiede weckt.

Das gilt für alle Lesephasen, für die ersten Schuljahre, nach Alexander Beinlich "das Lesealter eines faktisch noch un ungeschiedenen magischen Realismus", die Zeit der ersten eigenen Lektüre, die in den letzten "Kinderjahren", also in der Vorpubertät (9 bis 12 Jahre) zur typischen Lesewut ausartet, Realismus und Magie durchwehen einander noch, und Bücherschenken ist kein Problem; am Anfang dieser Phase stehen noch die sogenannten Umweltgeschichten, ab 10 und 11 Jahre löst das Abenteuer die letzte Liebe zu phantastischen Geschichten ab. Das gute und große Angebot der Verlage entspricht dieser ersten Explosion der Leselust. Es kann jedoch nicht so groß sein, um die Kinder vor dem Schund zu. retten. Besser als Heftchenverbote ist, daß man sie erkennen lehrt, was Kitsch ist, daß man ihnen also genug Vergleichslektüre zugänglich macht und darauf vertraut, daß ihnen der Kitsch so fad wird, wie er auf die Dauer ist.

Zwischen 10 und 12 Jahren kommen die beiden Jugendbuch-Kategorien dazu, die schon in die Zukunft weisen: Mädchenbuch und Sachbuch. Und jetzt taucht – besonders beim Gedichtlesen – die Freude am schönen Wort, an der poetischen Formulierung auf. Von hier ist es nur ein Schritt in die Probleme der Pubertät (13/14 und 1617 Jahre), die sich in der Lese-Entwicklung dieser Jahre getreulich spiegeln. Beinlich und Charlotte Bühler sprechen von "krisenhaft aufgewühlter" Phase, vom Doppelleben, von "Ersatzbefriedigung des Hungers nach noch nicht gelebtem Leben", "Unfestigkeit, Durchprobieren", "Flucht und Betäubung und Überspielen der Alltäglichkeit". Dazu gehören erste Ideen von einem Lebensplan, Versuche, Mensch und Welt zu transzendieren, erstes Symbolverständnis und differenziertes ästhetisches Empfinden. Jetzt kann das klassische Mittelmaß wieder gar nicht üppig genug ein. Meisterwerke: ja, aber ein Zuviel verdirbt den Appetit