Mehr als zehn Zeugen, die seinerzeit mit Oswald oder Ruby Kontakt hatten, sind nicht mehr am Leben. Den vielen Bestseller-Autoren, die sich bisher an der Affäre von Dallas versuchten, haben diese mysteriösen Todesfälle Stoff genug gegeben, um ihre phantastischen Verschwörergeschichten auszuspinnen. Die ständige Flut von Publikationen über die Ermordung Kennedys hat es aber vermocht, daß heute drei Fünftel des amerikanischen Volkes nicht mehr an die Untersuchungsergebnisse der Warren-Kommission glauben, die im Auftrage Präsident Johnsons die Hintergründe der Tat von Dallas aufklären sollte. Die Mehrheit der Amerikaner ist nicht länger überzeugt, daß Kennedy von einem Einzelgänger erschossen wurde.

Präsident Johnson, der oberste Bundesrichter Earl Warren (Leiter der Kommission) und die gesamte Familie Kennedy halten, unbeirrt durch alle Kritik, weiterhin an Oswald als dem Attentäter fest: Ihm wurde eine Reihe von Tatmotiven unterstellt: Abneigung gegen jede Autorität, Kontaktarmut, Ruhmsucht, Hang zur Gewalttätigkeit, sein "Killer"-Instinkt. All das klang plausibel in den Ohren der Amerikaner, die mit Freud auf du und du stehen.

Dennoch – die Zweifel wollen nicht verstummen, seit in diesem Jahr zwei Bücher erschienen sind, in denen die bisher seriöseste Kritik am Warren-Report enthalten ist: Edward Jay Epsteins "Inquest", das jetzt in Deutschland bei S. Fischer unter dem Titel "Im Kreuzverhör" erscheint, und Mark Lanes "Rush to Jugdment".

Rechtsanwalt Lane war kurz nach dem dreifachen Mord in Dallas von der Mutter Oswalds gebeten worden, die Ehre ihres toten Sohnes zu schützen. Er wurde auch vor die Warren-Kommission geladen, mit der er sich jedoch bald überwarf (Warren bezichtigte ihn der Lüge). Sein Rat war nicht gefragt, weil die Kommission keinen regulären Prozeß mit Anklage und Verteidigung führen wollte. Lanes Buch ist das Plädoyer eines tüchtigen Strafverteidigers, mit allen Vorzügen und Schwächen. Dem Leser werden gelinde Zweifel kommen, ob das Belastungsmaterial, das die Polizei und die Warren-Kommission gegen Oswald zusammengetragen haben, je zu seiner Verurteilung ausgereicht haben würde. Freilich trüben Einseitigkeit und Spitzfindigkeit des Anwalts den Gesamteindruck; weit seriöser wirkt daneben die Fleißarbeit des 30jährigen Harvard-Doktoranden Epstein, der auszog, die Arbeitsmethoden einer Regierungskommission zu erforschen, die unter ungewöhnlichen, einzigartigen Bedingungen einen politischen Mordfall klären sollte. Unter der Hand gedieh ihm das Buch zu einer Anklageschrift gegen die Warren-Kommission. Seine Vorwürfe gipfeln in der Behauptung, die Kommission habe wichtiges Beweismaterial ignoriert oder bagatellisiert oder sogar unterdrückt, um ihre These vom Einzelmörder Oswald nicht in Frage zu stellen.

Epstein, der viele Mitglieder der Kommission und ihres Stabes interviewte, fand heraus, daß diese These in der Kommission selber umstritten war. Sie stand und fiel mit der Annahme, daß Präsident Kennedy und der vor ihm sitzende Gouverneur John Connally von derselben Kugel getroffen wurden. "Zu behaupten, daß sie von mehr als einer Kugel getroffen wurden, wäre gleichbedeutend mit der Behauptung, es habe zwei Attentäter gegeben", sagte einer der Kommissionsanwälte ohne Umschweife.

Mindestens drei Schüsse waren an jenem schwarzen Freitag an der Elm Street gefallen. Aus dem Filmstreifen eines Amateurphotographen ließ sich auf die Sekunde genau ablesen, wann Kennedy und Connally, von Kugeln getroffen, zusammenzuckten, nämlich mit einer Phasenverschiebung von 1,8 Sekunden. Nach Angaben des FBI brauchte der Mordschütze zum Durchladen und Neuanvisieren jedoch mindestens 2,3 Sekunden. Gab es nur einen Schützen, mußte also die erste Kugel nacheinander Kennedys Hals und Connallys Brustkorb und Handgelenk durchschlagen haben und in Connallys Oberschenkel steckengeblieben sein. Die zweite Kugel ging offensichtlich fehl, die dritte traf Kennedy am Hinterkopf und führte seinen Tod herbei.

Dieser Hypothese standen schwerwiegende Argumente entgegen: Alle Ärzte und Assistenten, die Kennedy nach dem Attentat behandelten, hatten zunächst angenommen, das Loch am Kehlkopf, das durch einen Luftröhrenschnitt erweitert werden mußte, sei eine Einschlagwunde gewesen. In einem ersten Bericht des FBI wurde behauptet, die erste Kugel sei unterhalb der Schulter in den Körper eingetreten; vielleicht, so wurde gefolgert, sei sie hernach auf die Bahre Kennedys gefallen. In der Tat wurde eine kaum eingedrückte Kugel gefunden, von der es dann später hieß, sie müsse von Connallys Bahre stammen – andernfalls wäre die Hypothese nicht zu halten gewesen.