Aber konnte eine Kugel, die mehrere Knochen und zwei Körper durchschlagen hatte, so wenig beschädigt sein? Schußwaffenexperten sagen, theoretisch sei dies möglich, da die Kugel auf ihrer Bahn an Geschwindigkeit verliere, sich während des Fluges drehe und überdies die Beschaffenheit des Knochens den Durchschlag erleichtern könne. Die wundballistischen Versuche, die im Auftrag der Warren-Kommission angestellt wurden, ließen jedoch viele Möglichkeiten offen.

"Keine Bananenrepublik"

Beinahe unglaublich ist es, daß sich die Kommission – ihrer Hypothese zuliebe – auch über das Zeugnis Connallys hinwegsetzte, der bis zum heutigen Tage fest davon überzeugt ist, daß er einen zweiten Schuß gehört habe, ehe er getroffen wurde. Er hat sich nach dem ersten Knall sogar noch zu Kennedy umgedreht. Die Ärzte halten jedoch eine verspätete Schmerzreaktion für denkbar.

Nichtsdestoweniger weigerten sich zunächst der angesehene Senator Richard Russell und zwei andere Mitglieder der Warren-Kommission, einen Bericht zu unterzeichnen, der auf der Ein-Geschoß-Therapie basierte. Auf Betreiben John Mc Cloys, des ehemaligen Hochkommissars in Deutschland, begann nun die "Schlacht der Adjektive". Die Anhänger der Ein-Geschoß-These wollten feststellen, es gebe "zwingende Beweise", ihre Gegner wollten nur "glaubhafte Beweise" zulassen. Zuletzt einigte man sich auf das Kompromiß-Adjektiv "überzeugend" – und erwähnte "Meinungsverschiedenheiten".

Report-Analytiker Epstein blieb dennoch argwöhnisch, weil die Warren-Kommission (leichtfertig oder aus Gründen des Taktes) darauf verzichtet hatte, sich die Bilder von der Obduktion und die Röntgenaufnahmen von der Leiche Kennedys vorlegen zu lassen. Diese Bilder schienen bis vor wenigen Wochen unauffindbar. Wurde hier etwa – wie Epstein unterstellte – aus politischen Gründen die Wahrheit unterdrückt? Die Familie Kennedy setzte nun den Verdächtigungen ein Ende, als sie das Bildmaterial dem Nationalarchiv aushändigte – allerdings mit der Auflage, es noch auf Jahre hinaus der Allgemeinheit vorzuenthalten. Zwei der Obduktionsärzte aus Dallas identifizierten die Bilder und verglichen sie mit ihren eigenen Skizzen. Ihr Befund: Die Hypothese vom ersten Schuß stimmt; Sofort gab Epstein freimütig damit sei sein Haupteinwand entkräftet – vorausgesetzt, die Ärzte hätten sich nicht geirrt.

Aber die Verteidiger des Warren-Reports frohlockten allzu früh, als sie meinten, nun könne es keine ernsthafte Kritik mehr geben. Soeben hat sogar die angesehene Illustrierte "Life" eine neue Untersuchung des Mordes an Kennedy gefordert, da "begründete Zweifel" an der These von der Alleintäterschaft Oswalds bestehen. Zuvor hatten schon Politiker, Geistliche, Juristen und Publizisten in den USA und in England vorgeschlagen, eine neue Kommission solle objektiv und frei von Zeitdruck das Beweismaterial nochmals prüfen und auch jene Zeugen hören, die der Verteidiger Lane benannt hat.

Wie Epstein nachweist, hat die Warren-Kommission "keineswegs erschöpfend oder auch nur gründlich" gearbeitet. Ihre Mitglieder waren beruflich so überlastet, daß sie die Arbeit an einen Stab angesehener und daher überbeschäftigter Anwälte delegieren mußten, die wiederum alle Arbeit auf ein paar Schultern abluden. Sie waren hin- und hergerissen zwischen der juristischen Pflicht, die Wahrheit zu ergründen, und dem politischen Gebot, die Nation zu beruhigen und das Prestige der USA zu wahren. Allzu eng hielt sich die Kommission an den Leitsatz McCloys, daß es überaus wichtig sei, der "Welt zu zeigen, daß Amerika keine Bananenrepublik ist, in der sich ein Regierungswechsel durch eine Verschwörung vollziehen kann", oder – wie es Senator Sherman Cooper sagte – "den Nebel des Zweifels, der sich über die staatlichen Einrichtungen gebreitet habe, zu vertreiben".