Aber der Nebel hat sich kaum gelichtet. Viele Fragen blieben offen. Wurden wirklich alle Schüsse aus dem Lagerhaus abgefeuert? 58 von 90 befragten Augenzeugen behaupteten, die Kolonne des Präsidenten sei von vorn beschossen worden, aus der Richtung einer Rasenböschung, die mit Bäumen und einer Einfriedung begrenzt war. Sie könnten durch das Echo irregeführt worden sein, aber fünf Zeugen, die auf einer Überführung in der Nähe standen, sahen bei der Böschung Pulverqualm aufsteigen. Einige bemerkten verdächtige Spuren auf einem Autoparkplatz unmittelbar hinter der Böschung; eine Frau sah dort einen Mann davonrennen, der eine große Ähnlichkeit mit Jack Ruby hatte; eine andere Zeugin bemerkte etliche Stunden vor dem Attentat, wie vor der Böschung, im Angesicht einiger Polizisten, zwei Männer aus einem falsch parkenden Auto eine Gewehrtasche holten und hinaufschleppten. Von der Kommission übergangen wurde die Aussage einer Frau, die im Schußfenster des Lagerhauses noch einen zweiten Mann gesehen haben wollte.

Gab es einen Doppelgänger

Warum konnte der Kronzeuge Brennan, der – auf einer Mauer sitzend – den Schützen im sechsten Stockwerk beobachtete und der Polizei sofort eine genaue Beschreibung des Täters gab. Stunden später Oswald nicht mehr identifizieren? Warum stützte die Warren-Kommission ihre Behauptung, Oswald habe auch den Polizisten Tippit umgebracht, hauptsächlich auf die Aussage einer leicht hysterischen Frau, die sich in immer neue Widersprüche verwickelte? Vergebens warnte einer der Kommissionsanwälte, das Zeugnis dieser Frau "spiele Mark Lane in die Hände".

Wieso bezeichneten mehrere Polizisten das Mordgewehr zunächst als eine deutsche Mauser, obwohl deutlich "Made Italy" aufgedruckt war? Warum ertönte gerade in dem Moment eine Autohupe, als Oswald am 24. November aus dem Polizeigefängnis geführt wurde, und dann noch einmal, bevor Ruby seinen Revolver zückte?

Warum wurden Rubys Beziehungen zu bewaffneten Exilkubanern nicht gründlicher untersucht? Stimmt Mark Lanes Information – sie wurde nur oberflächlich geprüft –, daß eine Woche vor Kennedys Besuch Ruby in seinem Lokal zwei Stunden lang mit dem Polizisten Tippit und einem Anti-Liberalen namens Weissmann im ernsten Gespräch zusammenhockte, jenem Weissmann, der am Tage des Präsidentenbesuches in einer Morgenzeitung von Dallas ein schwarzumrandetes Pamphlet gegen Kennedy veröffentlichte?

Oswald und sein Gewehr sind von der Affäre nicht zu trennen, das bezweifeln selbst die Gegner des Warren-Reports nicht mehr. Aber wurde er vielleicht nur mißbraucht und dann zum Schweigen gebracht? Wurde er vorgeschoben? Gab es einen Doppelgänger? Stand im sechsten Stock des Lagerhauses noch ein zweiter Schütze oder Komplice? Sollte Oswald nur vom wahren Täter ablenken? Wurde Kennedy in ein Kreuzfeuer genommen – zwischen Warenhaus und Böschung (nach diesem Prinzip arbeiteten zum Beispiel die OAS-Attentäter bei Anschlägen gegen de Gaulle) Oder hat der Engländer Cyril Connolly mit seiner Vermutung recht, daß gleichzeitig Zwei Mordanschläge verübt wurden, die überhaupt. keine Beziehung zueinander hatten? Oder war es die Tat zweier neurotischer Einzelgänger, die zusammenfanden wie die beiden Burschen in Truman Capotes "Cold Blood"?

Präsident Johnson glaubte zunächst an die Existenz einer kubanischen oder rechtsradikalen Verschwörung gegen den Staat. Im Laufe der letzten Jahre sind die ausgefallensten Theorien erwogen worden: bald steckte der Kreml dahinter oder Fidel Castro (die sich für die Raketenschlappe im Herbst 1962 rächen wollten), oder Exilkubaner (die das Fiasko in der Schweinebucht heimzahlen wollten), bald waren es die John Birch Society und die texanischen Ölbarone, denen Kennedys liberale und negerfreundliche Politik nicht paßte, mal finstere Verschwörer unter den Militärs und im CIA. Es fehlte nicht einmal die unglaubliche Unterstellung, Johnson habe seine Hand im Spiel gehabt.

Die Warren-Kommission war gut beraten, derartigen Gerüchten mit äußerster Skepsis zu begegnen. "Ein klarer Hinweis der Kommission, daß wesentliches Beweismaterial auf die Anwesenheit eines zweiten Attentäters deutete, hätte eine Büchse der Pandora, voll von Zweifeln und Argwohn, geöffnet", muß selbst Jay Epstein am Ende seiner Untersuchung einräumen. Alle neuen Theorien und Details, die in den letzten Wochen bekannt wurden, lassen den Schluß zu, daß sich eine neue Untersuchungskommission, selbst wenn sie unvoreingenommener ans Werk ginge als die Warren-Kommission, schwerlich einen zweiten Attentäter präsentieren könnte.