Von Arno Borst

Auf dieser Seite hatte in Nr. 40 der ZEIT J. M.-M. in seiner Glosse auf eine berühmte Sprachen-Anekdote um Kaiser Karl V. angespielt. Professor Dr. Arno Borst hat das zum Anlaß genommen, vor dem kulturhistorischen Hintergrund dieser Anekdote über die wechselhafte Geltung fremder Sprachen zu schreiben:

Um es sogleich zu gestehen: Wie Kaiser Karl V. zwischen 1519 und 1558 mit seinem Pferde sprach, das weiß niemand. Der Kaiser selbst hat sich nie darüber geäußert, und erst lange nach seinem Tod wurden ihm mehr oder minder boshafte Aussprüche in den Mund gelegt, die seitdem oft zitiert, aber von der ernsten Wissenschaft nicht beachtet wurden. Dabei könnten wir aus der Geschichte dieses Bonmots zwar nicht erfahren, wie der Kaiser wirklich mit seinem Pferd redete, wohl aber, wie unsere Vorfahren über Ausländer und Fremdsprachen dachten.

Daß die Menschen Fremdsprachen überhaupt beachten, versteht sich nicht von selbst. Die alten Griechen in all ihrer Humanität taten es noch kaum. Der Komödiendichter Aristophanes hielt sein Griechisch für die einzig menschliche Sprache und erfand derbe Späße über die Thraker und Illyrier vom Balkan, die Lyder und Skythen aus Asien, die barbarisch wie die Schwalben zwitscherten. Noch der römische Offizier Plinius empfand den Klang fremder Sprachen bloß als Hundegebell und wunderte sich, daß der kleinasiatische König Mithridates sich die Mühe machte, zweiundzwanzig Sprachen zu lernen; nach der Meinung des Plinius sammelten sich die wilden Dialekte der Völker alle im römischen Vaterland der Humanität und in der lateinischen Sprache, die die Welt gesittet ordnet.

Kein griechischer Dichter und kein römischer Politiker, sondern ein jüdischer Rabbiner kam um 400 nach Christus, inmitten der kleinasiatischen Vielfalt der Sprachen und Religionen, zuerst auf den frommen Gedanken, die verschiedenen Sprachen seien für verschiedene Aufgaben geschaffen. So heißt es im Talmud: "Es gibt vier Sprachen, die es wert sind, daß die Welt sie benutzt: die griechische eignet sich zum Gesang, die römische zum Krieg (oder auch zur juristischen Darlegung), die syrische zur wehmütigen Klage (oder zum Schreiben, oder zum Handel), die hebräische zur Rede (gemeint ist das Gebet)." Was die Kulturvölker der Alten Welt mit ihren Sprachen leisteten, ist in diesem einen Satz nicht schlecht getroffen: griechische Dichtung, römische Ordnung, orientalischer Alltag, jüdische Frömmigkeit.

Ein ähnlicher Gedanke bewog zur selben Zeit, im Jahre 417, den Christen Augustin zu der Ansicht, am Kreuz Christi hätten die drei Hauptsprachen der Welt gestanden: das Hebräische wegen der jüdischen Frömmigkeit, das Griechische wegen der hellenischen Philosophie, das Lateinische wegen der römischen Weltmacht. Von Augustin lernte das abendländische Mittelalter die Ehrfurcht vor diesen drei Weltsprachen – freilich nur vor ihnen.

Die hebräische wurde als die paradiesische Ursprache Adams und Evas hochgeschätzt, aber wie das Griechische kaum gelernt und gebraucht. Die Sprache von Staat, Kultur und Religion war im Mittelalter allenthalben Lateinisch. Alle anderen lebenden Volkssprachen galten als barbarisch und profan, als ungelehrt und unfromm. Auf Deutsch äußerte sich Kaiser Karl der Dicke nur, als er 873 angeblich vom Teufel besessen war. Dem Missionar Adalbert von Prag kam die Muttersprache um 960 bloß über die Lippen, als er in der Schule vom Lehrer verprügelt wurde. Um 1050 berichtete Ekkehart von St. Gallen, wie der Teufel in Gestalt eines Hundes erschien, beschworen wurde und dabei ein deutsches "Au weh" stöhnte. Und die Kenntnis lebender Fremdsprachen galt erst recht nicht als Bestandteil humaner Bildung.