Der aufgeklärte Holberg lächelte darüber ebenso duldsam wie über jenen deutschen Grobian, der gesagt hatte, der Teufel habe alle Sprachen in einem Topf gekocht und aus dem Schaum das Englische geformt. Holberg meinte dazu, als Quintessenz aus allen Sprachen sei das Englische keineswegs verächtlich, denn es habe für. alles und jedes den passenden Ausdruck.

Mitten im aufgeklärten, von England geprägten 18. Jahrhundert zerbrach man sich nicht mehr den Kopf über die theoretische Unvollkommenheit der Sprachen, wenn sie nur praktisch und für die Verständigung brauchbar waren. Deshalb erzählte 1721 der bärbeißige Ire Jonathan Swift: Als Gulliver auf seinen Reisen ins Land der Pferde kam, bemerkte er verblüfft, daß sie anders als die Menschen die Sprache nicht zum Lügen, sondern zum gegenseitigen Belehren und Verstehen brauchen: „Von allen europäischen Sprachen, die ich kenne, nähert sich die ihre am meisten dem Deutschen an; doch ist sie anmutiger und bezeichnender. Der Kaiser Karl V. machte fast die gleiche Beobachtung, als er sagte, wenn er mit seinem Pferd zu reden hätte, würde er Deutsch sprechen.“

Das Deutsche ist so ehrlich und grob, so einfach und klar wie Swifts eigene Schreibweise, die durchaus nicht aus dem Schaum aller Idiome zusammengebraut ist. „Im Deutschen lügt man, wenn man höflich ist“ – und doch lernten in England sogar die weltmännischen Adligen Deutsch.

Graf Chesterfield schrieb 1762 seinem Sohn, der Gentleman müsse viele Sprachen beherrschen: Mit Gott rede er das pompöse Spanisch, mit der Maitresse das musikalisch sanfte Italienisch, unter Männern das gesprächige Französisch und mit den Pferden das rauhe Deutsch. Gebet und Maitressen, Männer und Pferde – der Lebenskreis des Aristokraten schien damit abgesteckt; mit wem Chesterfield noch Englisch sprach, das sagte er nicht. Immerhin schien es jetzt, als hätte die Freude an Fremdsprachenkenntnissen über den nationalen Sprachenstolz gesiegt; und in England blieb es dabei.

Daß es nicht überall in Europa ebenso stand, bestätigte der russische Universalgelehrte Lomonossow, als er 1755 noch einmal Karl V. beschwor. Der Kaiser habe gesagt, man spreche mit Gott Spanisch, mit Frauen Italienisch, Französisch mit Freunden und Deutsch mit Feinden. Für Lomonossow war in der Tat die französische Kultur der Freund und die deutsche der Feind. Aber nicht nur in der Ablehnung des näheren Nachbarn erwies sich der russische Nationalstolz; denn Lomonossow fuhr fort, wenn Karl V. auch Russisch gekonnt hätte, würde er zugestanden haben, daß sich im Russischen die Erhabenheit des Spanischen, die Lebhaftigkeit des Französischen, die Zärtlichkeit des Italienischen und die Stärke des Deutschen vereinen. Russisch ist also die ideale Universalsprache. Sie war es noch 1823 für den Dichter Puschkin, der nur mit Bedauern sah, daß seine Landsleute die Sprache der Liebe bei den Italienerinnen, die Sprache der Wissenschaft bei deutschen Professoren lernten.

Trotz aller Gelehrsamkeit konnten freilich auch die Deutschen im Zeitalter der Klassik noch immer nicht unbefangen über ihre eigene Sprache reden. Der Jenaer Literaturkritiker August Wilhelm Schlegel beklagte sich 1798 über die Deutschen: Sie bemühen sich nicht um die Formung ihrer Muttersprache und sprechen heute noch ungefähr so wie damals, „da Kaiser Karl der Fünfte nur mit seinen Pferden deutsch sprechen wollte“. Daß dies auch die Zeit von Luthers Bibeldeutsch gewesen war, vergaß der Kritikus.

Etwas von solchem beleidigten Ehrgeiz spricht auch noch aus dem grimmig-selbstbewußten Katalog, den um 1845 Franz Grillparzer in Wien aufstellte: Deutsch, die Muttersprache des Dichters, eigne sich zum Sagen, Griechisch zum Darstellen, Lateinisch zum Reden. Nach den Bildungssprachen kommen die vulgären: Italienisch sei zum Singen da (eben begann man überall die Melodien Verdis zu trällern); die Sprache der Verliebten kam dem ewigen Junggesellen Grillparzer wie Spanisch vor. Noch weniger Gutes ließ er an Westeuropa; Französisch diene bloß zum Schwatzen und Englisch zum Schimpfen. Dabei blieb das Schimpfen über Fremdsprachen besonders lange im Deutschen beliebt; aber hier möchte ich abbrechen.