Da fährt der Lektor des größten Spieleverlages von Europa durch mehr als die halbe Welt: zuerst in die Neue, die angelsächsische und deshalb bekanntermaßen spieleschwangere, und dann auch noch in die östliche Hemisphäre, wo das Spiel seine Urheimat hat, und das alles im Verlaufe eines einzigen Jahres: Muß da der Spieler nicht mit gespannter Erwartung auf einen Knüller hoffen? Aber das Ravensburger Mekka enttäuschte: der Berg hat ein Mäuslein geboren. Ist das nun Resignation oder schöpferische Pause? Ich hoffe, das zweite, obgleich die Anzeichen für das erste deutlich sind. Nicht nur beim Otto Maier Verlag. Fast durchweg seufzen die Verleger darüber, daß gerade gute Spiele "beim Publikum nicht ankommen".

Sie sagen, ein gutes Spiel scheitere an seiner komplizierten Spielregel, weil nämlich das Personal in den Spielzeugläden die Kunden nicht richtig beraten könne oder wolle. Sollten die Hersteller daraus die Konsequenz ziehen, würden sie dazu übergehen, Spiele nicht für Spieler, sondern für schlechte Verkäuferinnen herzustellen. Der deutsche Film hat einen ähnlichen Weg schon hinter sich. Jedenfalls fürchte ich, Schach, heute erfunden, fände keinen Verleger. Jedenfalls nicht in diesem Land.

Zwar brachte Ravensburg noch "Schubbs und Remmidemmi" heraus, zwei gute, hausgemachte Spiele. Neuheiten jedoch sind sie nicht, sondern die versprochene Extra-Ausgabe aus "7 neue Spiele" (ZEIT Nr. 3/65). "Lettera" hingegen nassauerte sich der Verlag von den Bahamas, aus Nassau dortselbst, was aber gar nichts mit "Feuerball" oder James Bond zu tun hat. Es hat mit Wörtern zu tun, und zwar möglichst mit solchen aus sechs Buchstaben. Sie sind aus einem Reservoir von insgesamt einundfünfzig Lettern, ihrer Häufigkeit im Alphabet nach zusammengestellt, zu bilden. Hier liegen bereits zwei Hasen im Pfeffer.

Wechselweise nehmen und nennen die Spieler eine Letter, die ihnen in den eigenen Buchstaben-Kram des sechsmal sechs Felder großen Spielplanes paßt, von einem geordneten Vorrat. Der Witz ist, daß auch der Gegner den gleichen Stein nehmen und ihn irgendwohin placieren muß – wo er ihm bald selber in die Quere kommt, denn das Ganze soll ein Kreuzwortgebilde werden, in dem am Schluß die längeren Wörter hoch, die kürzeren niedrig dotiert werden.

Ein Beispiel in der Spielregel bringt es auf über hundertsiebzig Punkte. Aber getrost! Auf etwa hundert bringt man es allemal, und der Partner ist auch nicht gescheiter, es sei denn er wäre Germanist. Das liegt an der Spielregel; sie schließt nämlich Fremdwörter und Namen aus. Da aber beißt sich das Spiel selber. Damit es ein Spiel werde, muß man die Spielregel beugen. Beugt man sie, darf man nicht an dem vom Verlag ausgeschriebenen, permanenten Preisausschreiben teilnehmen. Da es aber ein Spieleverlag ist, handelt er gegen sich selbst: es bliebe abzuwarten, wer den Wettbewerb mitmacht, einen Preis gewinnt – und dann noch von sich selber zu behaupten die Stirn hätte, er sei ein Spieler.

Ich fürchte, "Lettera" werden Leute bevorzugen, die dazu fähig sind, sich einen Wortschatz von sechsbuchstabigen Substantiven zuzulegen, Spezialisten also mit verkümmertem Wortschatz: Hauptsache er läßt sich kreuzen. Das Spiel birgt also die Gefahr der Rückbildung, nicht aber, wie es wohl gedacht ist (wobei solches überhaupt kein Argument für den Spieler ist), die Anregung zur Erweiterung des sprachlichen Horizonts.

Das Gegenteil scheint mir "Parola" zu sein und trotzdem ein Spiel, diesmal eins mit Worten. Es ist das erstemal, daß ich davon Abstand nehme, ein Spiel zu beschreiben, weil nämlich eine Beschreibung es jedermann gestatten würde, es zu spielen, ohne "Parola" zu kaufen. Schließlich ist es nicht mein Geschäft, Spielen Konkurrenz zu machen – zumal so guten.