Mittwoch, 16. November, 21.35 Uhr, 2. Programm: "Der verdrängte Tod" Film von Helmut Greulich

Am Buß- und Bettag wurde von Helmut Greulich in einem Film darüber Klage geführt, daß unsere Gesellschaft dem Tod den Garaus aus dem Konsumparadies gemacht habe: gedankenlos stürben die Leute, ein Tabu sei das Grab, Boschfanfaren stimmten das memento mori an, und wenn es dann ans Ende ginge, werde der Tote bald, unbemerkt von den Nachbarn, in der Dunkelheit aus dem Hause geschafft.

Das alles ist wahr, das alles wurde einprägsam illustriert: Die Gesichter der Zuschauer – Zeugen eines Verkehrsunfalls, der tödlich ausging – waren – starr und verschlossen, da wurde kein Rilkesches Fremdes gespiegelt, da war kein Zusatz erkennbar, da meinte ein Mann in der Mundart von Mainz: So trachisch da ff man die Sache nischt nemme.

Man sagte Kluges über den verdrängten Tod, den Betriebsunfall, die Panne, das Mißgeschick, das nicht hätte eintreten dürfen, und man zeigte den freundlichen Tod, den Bruder des Schlafs. Alte Leute gaben sich gefaßt, Gelassenheit herrschte, das Sterben wurde als kleinbürgerliche Genreszene beschrieben: "‚Vadder‘, hat mei Frau gesacht, ‚isch möcht nie vor dei’m Sasch %schten‘, wenn ich tot bin, werd ich verbrannt und komm in die DDR. Da liegen meine Verwandten. Das ist schon geregelt." "Ich habe die Einladungskarten für meine Beerdigung alle geschrieben. Nur die Briefmarken fehlen noch drauf."

Von Angst schien keine Rede zu sein: bei den Alten nicht, nicht bei den Diskutanten am Ende der Sendung und nicht bei den Jungen, den befragten Studenten: "Tod? Darüber hab’ ich noch nicht nachgedacht. Das hat ja Zeit. Nur manchmal, wenn einer verunglückt ist, den man kannte, da fiel mir das ein." "Ich studiere Psychologie, ich habe mir darüber keine Gedanken gemacht." "Ich möchte fünfundsiebzig werden, ungefähr, dann ist es Zeit. Die Alten, die sich ans Leben klammern, verstehe ich nicht. Die haben doch ein erfülltes Leben gehabt. Die sollen doch froh sein."

Keine Furcht, kein Entsetzen, kein angstvoller Blick: Die Leute waren gefaßt, der Kommentator, romantisch gestimmt, beschwor den Gegensatz zwischen städtischer Anonymität und ländlicher Anteilnahme, mittelalterlichem Glauben ans himmlische und zeitgenössischem Glauben ans irdische Paradies. Die Disputanten fragten zwischen Pfeifenzug und Pfeifenzug, ob man den Tod ins Leben oder das Leben in den Tod hineinnehmen, müsse, und alles war friedlich, und die Sendung bestätigte nur, was sie anklagen wollte, denn den verdrängten Tod, den verdrängte sie auch.

Kein Sterbender wurde gezeigt, niemand schrie und flehte ums Leben, kein Kind wimmerte sich langsam ins Dunkel hinein, keiner fragte Herr Doktor, ich werde doch nicht, keiner verhöhnte, die ihm Trost sagen wollten, Sie machen Sommerpläne, Herr Pfarrer, ich fahr’ in die Grube keiner war eifersüchtig, keiner klagte an, kein Rieux, kein Paneloux war zur Stelle. Es sind immer die andern,hieß es im Film, und Kommentator und Disputierende zeigten, daß dieser Satz auch für sie selber Gültigkeit hatte.