Der Radarturm des Fliegerhorstes Celle-Wietzenbruch gab Alarm: "Kraniche auf 260 Grad, Entfernung: acht nautische Meilen." Schon vier Minuten später meldete ein Hubschrauber der Bundeswehr, mit dem Bonner Amateur-Ornithologen Dietrich Ristow an Bord, er habe "Freundberührung" bekommen. In exakter Keilformation zog ein Geschwader von 60 Kranichen mit Kurs Westsüdwest in Richtung auf das Steinhuder Meer.

So wurden in diesen Herbsttagen zum erstenmal in der Geschichte der deutschen Vogelforschung Zugvögel während des Fluges über größere Strecken verfolgt, um das Geheimnis ihrer Navigationskünste näher zu ergründen.

Die bisherigen Beobachtungen zeigen ein völlig unerwartetes Bild. Wie der wissenschaftliche Leiter dieser Aktion, der Bonner Professor Günther Niethammer auf der Ornithologentagung in Göttingen mitteilte, hielten die Kraniche weder einen konstanten Kompaßkurs in Richtung auf ihr fernes Reiseziel ein, noch folgten sie sogenannten Leitlinien, also Flußläufen oder Gebirgszügen. Die Vögel steuerten vielmehr einen regulären Zickzackkurs wie ein Geleitzug im Krieg: Fünf Kilometer genau geradeaus, dann eine Schwenkung im spitzen Winkel nach rechts und wieder drei bis sechs Kilometer geradeaus, danach eine sanfte Kursänderung nach links und so weiter über die gesamten 90 Kilometer Reiseweg, auf denen sie verfolgt wurden.

Die Ursache dieses seltsamen Zugverhaltens bleibt jedoch noch zu erforschen. Ziehen Kraniche immer so oder beunruhigte sie der Hubschrauber?

Über der Einöde des Lichtenmoors nordöstlich von Nienburg kam das Kranichgeschwader plötzlich aus der Ordnung. Aus 200 Meter Flughöhe hatten die Vögel 15 Artgenossen entdeckt, die vom Moor in die Höhe stiegen. "Der größere Trupp verharrte kreisend über der Stelle", berichtet der Beobachter, "dem Anschein nach abwartend. Richtig, die Neuen wurden in den kreisenden Pulk aufgenommen, und bald formierte sich das auf 75 Tiere verstärkte Geschwader wieder zum Keil und flog weiter."

Ähnliche Zugverfolgungen werden gegenwärtig auch in Amerika mit großem Aufwand durchgeführt. Sie kennzeichnen eine neue Phase der Vogelzugforschung. Es gelang, Radargeräte mit so feinem Auflösungsvermögen zu konstruieren, daß einzeln ziehende Vögel von Drosselgröße auf dem Bildschirm sichtbar werden. Auch konnten Radiosender von nur 16 Gramm Gewicht am Körper der Vögel befestigt werden. Die Radioimpulse wurden dann von Landstationen eingepeilt. Eine damit verbundene elektronische Rechenanlage verarbeitete die eingehenden Werte und zeichnete vollautomatisch den Vogelkurs auf eine Karte.

Die Ergebnisse sind bislang allerdings mehr verwirrend als klärend. Die erste mit diesem Gerät verfolgte Drossel flog einen schnurgeraden Kurs. Aber die Hoffnung, damit den Problemen näher gekommen zu sein, war voreilig, denn alle folgenden Drosseln flogen völlig anders und ohne ein bisher erkennbares Orientierungsschema.