Der Vorsitzende und seine vier Juroren hatten den Spaß schon hinter sich. Jetzt waren die Journalisten aufgefordert, den Urteilsspruch zu überprüfen. Man nahm Platz auf einem wippenden schmalen schwarzen Stühlchen. Ein älterer Herr aus älteren Werkbundzeiten übersetzte die Funktion des Möbels mit Whiskystuhl, eine Dame fand den Namen Schaukelstuhl, der Erfinder titulierte ihn geometrisch-einfach "Stuhl S". Genauer hieße er Z mit Lehne. In der Urteilsbegründung der Jury steht der Satz: "Es macht Spaß, auf diesem Stuhl zu sitzen." Das stimmt.

Das Ereignis geschah im modern hergerichteten Kellergeschoß des Hauses "Intermöbel" am Kölner Kaiser-Wilhelm-Ring: Ein Preis, nach langem Überlegen gevierteilt, war vergeben worden, der "Rosenthal-Studio-Preis" des "Gestaltkreises im Bundesverband der deutschen Industrie", und zwar "für hervorragend gestaltete Industrieprodukte im Wohnbereich".

Philip Rosenthal war die Sache immerhin 25 000 Mark wert – der erste ständige Preis, der für Gegenstände ausgeschrieben worden ist, für die der Begriff "Industrial-Design" gilt. Es ist zu ergänzen: für die der Begriff auch gilt; denn der BDI hofft, daß sich unter seinen Verbandsmitgliedern nun auch ein Stifter finden werde, der sich die Gestalt von Maschinen und technischen Einrichtungen angelegen sein läßt. Daß der Anfang mit Möbeln, die ohnehin unentwegt im Gespräch sind, gemacht wurde, liegt weniger an der Einfallslosigkeit des Gestaltkreises als am Elan des Stifters Rosenthal, eines leidenschaftlichen "Form-Fans".

Dieser Leidenschaft entsprang auch die Hauptforderung, die für die Auswahl der Möbel galt: Sie sollen nicht nur hervorragend gebrauchstüchtig und herstellungstechnisch einwandfrei ausgeführt sein, sondern auch "eine wegweisende künstlerische Aussage enthalten". Wer das wörtlich zu nehmen versucht, wird sich mit Zweifeln herumschlagen können: Was ist die künstlerische Aussage des "Stuhles S"?

Wenigstens in diesem Fall geht die Prämisse ins Leere, denn die "künstlerische Aussage" stammt nicht von dem in Basel lebenden Dänen Verner Panton, einem der vier Preisträger, sondern von dem Holländer Gerrit Thomas Rietveld (1888–1964). Damals, 1935, bestand der Zickzack-Stuhl noch aus vier Brettern, hart und steif, mehr eine Idee zum Thema Elementarstil (der niederländischen Form-Bewegung "De Stijl") als ein benutzbares Sitzmöbel. Jetzt, dreißig Jahre später, hat Panton die nunmehr ausgereifte Frucht gepflückt, hat den federnden Schichtholz-Stuhl aus einem Stück pressen lassen.

Die Art der Verarbeitung war es denn auch, die die Jury veranlaßt hatte, das Produkt zu prämiieren. Sie habe "zu einer einfachen und frischen Form geführt". Darauf zu sitzen, macht in der Tat Spaß, und wenn die Firma A. Sommer in Plüdershausen die Anregung der Jury beherzigt, den Stuhl breiter und ein bißchen steifer zu machen, ist er ein taugliches Zusatzmöbel – für zu spät und unerwartet gekommenen Besuch, ein Sitzspielzeug. Um hundert Mark muß man dafür ausgeben.

Die drei anderen Preise – je 6250 Mark – gingen an: