Exzellenzen, die Überlebenden des Jahrgangs 1917 sind durchaus im Bichofs-Generals- und Ministeralter, und doch wende ich mich nicht deswegen an Sie, sondern einzig und allein aus einem formalen Grund, weil die Anrede es mir erlaubt, drei Fliegen mit einer einzigen, der Titel-Klappe, zu schlagen: Kirche, Armee und Staat.

Mir würde es nichts ausmachen, mich mit einem Pfarrer, einem Major und einem Oberinspektor zu begnügen, ja, notfalls wäre ich bereit, mich rückhaltlos unter die wirklich kleinen Leute zu begeben, einen Klosterbruder, einen Stabsfeldwebel und einen Straßenbahner zu meinem Spiel einzuladen – bei Ihnen jedoch bietet sich die einzigartige Gelegenheit, Sie alle mit einem Titel zu erwischen, und ich fordere Sie hiermit zur Demut auf, es ist nicht Ihre Würde, nur die Ihnen zustehende Anrede, die mir das Spiel erleichtert.

Eins noch sei vorausgeschickt: ich weiß, daß Sie sich in Ihrer Haut nicht wohl fühlen, nur ungern gehen Sie mit der Macht, schnöde geht diese mit Ihnen um, und ich sage Ihnen mit jener Offenheit, die unter Altersgenossen selbstverständlich sein sollte: Man merkt’s! Lustlos geht Ihr einher, kaut lustlos vor Fernsehkameras und auf Tonbändern Eure Vorsicht und Schläue wieder. Man spürt: Ihr seid in Sorge! Ach, so trinket doch hin und wieder ein gutes Gläschen, seid fröhlich mit den Fröhlichen, vergeßt den Kummer und die Kümmerlichkeiten der Macht, vergeßt Eures Amtes und des weißen Mannes Entwicklungsbürde, und solltet Ihr je in die Laune kommen, einen freien Schriftsteller zu beneiden, der verpflichtet ist, selbst das Lustlose noch lustvoll zu bereiten, so sage ich Euch: versucht’s doch mal! Die freie Marktwirtschaft hat noch Platz für Autoren im Exzellenzen-Rang, und Verleger sind immer zu einem Spielchen bereit. Sollte der Vertragsabschluß heranrücken, so wendet Euch an mich um Rat, denn WENN IHR ZUR FEDER GREIFT, KUMPELS, lest vor allen Dingen das KLEINGEDRUCKTE. Ich stelle mir das hübsch vor, wenn einer von Euch so richtig "frisch von der Leber weg" erzählen würde, was dem Jahrgang 1917 so alles widerfuhr. Greift also zur Feder, Kumpels, und steht mir bei! Es würde sich doch auf Eurer Steuererklärung nett ausmachen, wenn die Spalte "Einnahmen aus freiberuflicher Tätigkeit" nicht durchstrichen wäre – oder wird Euch so Schmutziges wie eine Steuererklärung erspart?

Ich, ein Professioneller, betrete nur ungern die Haaresbreite des Glücks, das mich siebenmal sieben hat alt werden lassen. Die Strecke ist lang, der politischen und geschichtlichen Ereignisse sind viele, der erfreulichen darunter wenige, der Möglichkeiten, auf der Haaresbreite des Glücks auszurutschen, unzählige.

Wißt Ihr zum Beispiel, daß einer, der 1880 geboren wurde, weitaus mehr Chancen hatte, Sechsundsechzig alt zu werden, als einer, der 1917 geboren wurde, achtundzwanzig alt zu werden? Tatsächlich, Genossen, stand die Chance zu überleben eins zu drei, das bedeutet aufs russische Roulett übertragen: Von sechs Möglichkeiten (ich könnte sagen Kugeln, wenn das Wort nicht so poetisch klänge und Ihr Euch bereit erklärtet, die Kugel wirklich als eine Roulettkugel zu betrachten, nicht als jenes Gebilde aus Kupfer, Pulver und Blei) gingen vier tödlich aus, während es ja beim original russischen Roulett, das als kühnes Spiel gilt, nur eine von sechs ist.

Es gab im Jahre 1945 fast ebensoviel Fünfundsiebzigjährige wie solche unseren Alters in Germany, der Sechsundsechzigjährigen weitaus mehr und der Sechsundfünfzigjährigen schon doppelt so viele. Bedenkt Ihr außerdem noch den Frauenüberschuß, der sechzig, siebzig, sogar achtzig Prozent betrug, so erinnert Euch bitte an Giraudoux, der in seinem Trojanischen Krieg einen überlebenden Helden sagen läßt: "Wir schlafen mit unseren Frauen – und mit euren"; und natürlich, hochwürdigste Exzellenzen, ist das nicht persönlich zu verstehen, auch nicht für die beiden säkularen Exzellenzen, sondern symbolisch.

Links von der Haaresbreite des Glücks blüht der Sumpf des Bramarbasierens, rechts der Morast der Banalität, und außerdem, Exzellenzen: ist dieses verfluchte Haar noch gespalten, unweigerlich wird ja an einem deutschen Lebenslauf Haarspalterei betrieben, und mir ist meine Unschuld längst schon verdächtiger geworden als meine Schuld, weil ich beides nicht habe. Auf einem gespaltenen Haar einherzubalancieren, ist selbst für einen Professionellen unmöglich, und so bitte ich Sie, Messieurs, reichen Sie mir Ihre Exzellenzen-Hände.