Von Dietrich Strothmann

Düsseldorf, Anfang Dezember

Der Karneval an. Rhein und Ruhr begann diesmal sechs Tage vor dem historischen 11. 11. um 11.11 Uhr: am 5. November. Aber es gab kein Freudenfest mit Jecken und Funkenmariechen. Der Startschuß zu den „tollen Tagen“ der Jahreswende 1966/67 in der Karnevalshochburg Düsseldorf fiel in Bonn. Er war das Signal zu einem politischen Mummenschanz.

Nach dem Spektakel im Bonner Koalitions-Reigen witterte der nordrhein-westfälische Wahlsieger und Koalitionsverlierer, der SPD-Landesvorsitzende Heinz Kühn, Morgenluft. Endlich, war es für ihn, der im Juli mit 99 Abgeordneten in den Düsseldorfer Landtag eingezogen war, soweit, das mühsam gekittete Regierungsbündnis von CDU und FDP mit seinen kläglichen 101 Mandaten zu sprengen. Er wollte Franz Meyers, den angeschlagenen Ministerpräsidenten, zu Fall bringen.

Am 5. November beschloß Kühns Fraktionsvorstand, im Landtag einen konstruktiven Mißtrauensantrag zu stellen. Doch es kam nicht dazu. Meyers erklärte, die SPD werde den angedrohten Antrag gar nicht einbringen. Er mußte es wissen – er hatte es vom Bundesinnenminister Lücke erfahren, und dem widerum hatte es Herbert Wehner zugeflüstert. Kühns Drohung war also von Anfang an nur als ein theatralischer Schreckschuß gedacht. Und die CDU reagierte denn auch prompt. Sie ließ die Sozialdemokraten wissen: Wir müssen miteinander reden. Noch nach der Wahlniederlage der Christdemokraten im Juli hatte deren prominentester Politiker Josef Hermann Dufhues, ausgerufen: „Nie mit der SPD!“ Das war nun vergessen.

Dafür hob im alten Ständehaus zu Düsseldorf das Spiel „Bäumchen – wechsle-dich“ um eine neue Regierung an. Während sich noch Meyers und sein getreuer Innenminister Willy Weyer, der FDP-Landeschef, gegenseitig versicherten: Düsseldorf bleibt Düsseldorf und Bonn bleibt Bonn; während noch der FDP-Fraktionsvorsitzende Möller heilige Eide schwor: Mit der CDU gehen wir durch dick und dünn, einigten sich die christdemokratischen Minister untereinander: Was wir jetzt brauchen, ist eine Große Koalition. Für diesen Fall, so versprach Meyers, werde er seinen Platz einem Ministerpräsidenten Heinz Kühn freimachen. Das war am Buß- und Bettag.

Zuvor aber hatten, sich insgeheim bereits zwei der wichtigsten Spielmacher getroffen, die beiden Kölner Kühn und Lenz, der CDU-Fraktionschef. Ein dritter aus dem „Kölner Klüngel“, der SPD-Landtagspräsident Van Nes Ziegler, der Lenz aus den Tagen kennt, da sie im Kriege in derselben Flak-Batterie dienten, begann alsbald das Stück „Große Koalition“ mitzuspielen. Ziegler, der sich Hoffnungen auf den Posten des Innenministers machte, mußte dazu zuerst Willy Weyer in die Wüste der Opposition schicken.