Herbert Wehner: nie der Erste in der SPD, doch immer die bewegende Kraft

Von Kurt Becker

Abermals ist es Herbert Wehner gelungen, die SPD gleichsam wie einen Felsbrocken vom Fleck zu wälzen. Die Große Koalition – sie ist sein ureigenstes Werk, seine Schöpfung. Er hat sie erreicht gegen mächtigen Widerstand in der eigenen Partei, ja selbst gegen den ursprünglichen Wunsch Willy Brandts.

Die ersten Männer im Kabinett freilich werden andere sein. Das ist sein eigener Wille, denn Wehner ist Philosoph genug, um sein Schicksal richtig zu verstehen, so sehr es ihn manchmal auch schmerzt. Und dieses Schicksal hat es ihm auferlegt, nie der Erste und doch immer die bewegende Kraft zu sein. Er war nie Vorsitzender der Partei, aber er ist es gewesen, der die Gehirnstürme in der SPD entfesselte und die SPD durch ein Fegefeuer führte, aus dem sie als regierungsfähige Volkspartei wieder herauskam. Nie war er Schattenkanzler, aber seit acht Jahren ist er der eigentliche Führer der Partei.

In den entscheidenden Tagen der Regierungsbildung zeigte sich Wehner als Virtuose des taktischen Spiels. Er, nicht Kiesinger, nicht Brandt und nicht Mende – er war „Regierungsmacher“. Doch vom diabolischen Techniker der Macht unterscheidet diesen Mann eigentlich alles: die Kraft seines politischen Willens, seine Ideengläubigkeit und sein glühender Patriotismus. Die Taktik ist ihm Hilfsmittel, er macht sie sich dienstbar, wie alle großen Männer. In den letzten Tagen freilich glich er einem Artisten unter der Zirkuskuppel. Selbst seine engsten Freunde verfolgten gebannt sein waghalsiges Tun, vermöchten jedoch nicht vorauszusagen, in welche Koalition er die Partei am Ende hineinführen werde.

In zielstrebigem Zickzack

So gelang es Wehner nacheinander, die FDP für eine Mini-Koalition zu gewinnen, auf diese Weise dem Kanzlerkandidaten Kiesinger die Wahlmöglichkeit zwischen Großer und Kleiner Koalition zu nehmen und sodann mit vielen Täuschungsmanövern in zielstrebigem Zickzack einem Bündnis mit der CDU/CSU zuzusteuern. Während er von der Union den Offenbarungseid verlangte, verhandelte er intensiv mit ihren Vertretern; während er die CDU/CSU mit aller Schärfe im Bundestag attackierte, war er der Großen Koalition schon greifbar nahe.