Bei den Bankiers ist es wie bei den Frauen – die besten sind die, von denen man nicht spricht. Finanzmänner lieben es, in der Stille, hinter den Kulissen zu wirken. Davon hängt oft der Erfolg ihrer Pläne ab. Darum gibt es auch neben den zahlreichen Memoiren oder Biographien großer Industriepioniere nur wenige Porträts über die Großen der Finanzwelt.

Auch Jean André Marie Reyre, Vizepräsident und Generaldirektor von Frankreichs größter Banque d’affaires, ist dieser Tradition der Diskretion treu geblieben. Er tritt kaum in der Öffentlichkeit hervor. Seine öffentlichen Stellungnahmen haben Seltenheitswert. Zurückhaltung liegt in der Natur dieses heute vielleicht mächtigsten Mannes in der französischen Finanzwelt. Die Diskretion war im übrigen von je her der Grundzug im Verhältnis der Banque de Paris et des Pays-Bas und ihrer Leiter. Auch Reyres Vorgänger in der Vorkriegszeit, der Finanzier Horace Finaly, der die Bank auf den Weg zur finanziellen Großmacht in Frankreich führte, „verabscheute die Welt und die Publizität und floh vor den Photographen“.

Damit enden aber auch die Ähnlichkeiten zwischen den beiden bedeutenden Bankleuten. An Stelle des ebenso energie- wie phantasiereichen Finanzabenteurers Finaly, dessen raschem Aufstieg ein ebenso schneller Sturz folgte, ist heute der Bankier-Technokrat Reyre getreten, dessen ganzes Berufsleben mit der Bank verbunden ist und der sich in 30 Jahren von einer bescheidenen Position zu seiner heutigen Spitzenstellung heraufgearbeitet hat.

Reyre wurde nicht wie Finaly von seinem Vater ein großes Vermögen und weitreichende politische und literarische Beziehungen mit in die Wiege gelegt. Er hat sich seinen Weg aus eigener Kraft bahnen müssen. Im Gegensatz zu Finaly, der durch seine enge Verbindung zu den französischen Linksparteien in der Dritten Republik starken politischen Einfluß besaß, hat sich Reyre politisch niemals festgelegt und Freunde in allen Lagern erworben. Er unterhält gute Beziehungen zu den gaullistischen Machthabern, die ihn als Vertreter der Bank- und Finanzwelt in den Planungsausschuß für den Fünften Entwicklungsplan berufen haben. Aber er ist auch der Freund und – wie es heißt – Geldgeber der Linkszeitung L’Express gewesen, die (zumindest in früheren Jahren) zu den schärfsten Kritikern de Gaulles gehörte.

Trotz fehlendem politischen Engagement war es aber gerade die Politik, der Reyre seinen Aufstieg von einem recht unbedeutenden Posten in der Bankorganisation zur Generaldirektion verdankt. Die Banque de Paris hatte nach dem Zweiten Weltkrieg einen schweren Stand. Ihre engen Beziehungen zu den deutschen Besatzungsmächten machten sie zum Angriffspunkt der siegreichen Widerstandsbewegung. 1945 wurden die großen Depositenbanken nationalisiert. Warum sollte die Banque de Paris nicht wie Renault und andere große Unternehmen unter Staatskontrolle gebracht werden? General de Gaulle hat diese Zwangslösung abgelehnt, aber einen grundlegenden Wechsel in der Bankleitung verlangt. Bei der Suche nach geeigneten Persönlichkeiten stieß man auf Reyre, der im Krieg der Widerstandsbewegung angehört hatte.

Der Verwaltungsrat der Bank hat damals sicherlich nicht geahnt, welche gute Wahl man da in aller Eile getroffen hatte, als man die Leitung des Instituts in die Hände des damals 46jährigen Reyre legten. Reyre hatte zwar den Ruf eines tüchtigen und zuverlässigen Bankmannes, aber der volle Umfang seiner Fähigkeiten und seiner finanziellen Begabung war damals niemandem bekannt. Mit Reyres Ernennung wurde der Grundstein zur neuen Expansion der Banque de Paris gelegt. Sie hat heute ihre Kriegs- und Nachkriegsverluste ausgeglichen und – trotz wachsender Konkurrenz – ihren Platz an der Spitze des französischen Bankwesens behauptet. Viele sehen in Reyre einen neuen Typ von Bankier, den finanziellen Technokraten. Aber Reyre ist nicht nur ein kalter Rechner. Sein Handell ist auch durch Phantasie, plötzliche Eingebungen und vor allem rücksichtslose Energie in der Durchführung seiner Entschlüsse gekennzeichnet. Diese Eigenschaften haben in den letzten Jahren in steigendem Maße den gesamten Geschäftsstil der Banque de Paris bestimmt. Wie wenig er sich in ausgefahrenen Gleisen bewegt, zeigen manche seiner Transaktionen. So ließ er beispielsweise eine unrentable Werft in Nordfrankreich stillegen und verwandelte sie in eine Käsefabrik, spezialisiert auf Camembert. Neuartige Maschinen wurden installiert, die den Käse ohne Zwischenlagerung in einem Prozeß herstellten. Das neue Prinzip arbeitete zur Zufriedenheit, aber – die Sache hatte einen Haken: Der Käse kam in Dreiecksform aus der Maschine, und Camembert in dieser Form wird nun mal in Frankreich nicht gegessen. Es blieb also nichts anderes übrig, als weiter an dem neuen Verfahren zu arbeiten.

Reyres wichtigste Leistung ist die Expansion seiner Bank im Ausland. Die Bank hatte hier viel aufzuholen. Ihre Beteiligungen in den Balkanstaaten und in Nordafrika waren verloren gegangen oder wurden stark entwertet. Reyre hat der Banque de Paris ein neues Auslands-Imperium aufgebaut. Ihm ist vor allem die Gründung der Parisbas Corporation in den Vereinigten Staaten zu verdanken, die in großem Stil in der Wall Street und auf dem amerikanischen Emissionsmarkt tätig ist. Gleichzeitig hat die Bank ihren Einfluß in Mexiko und den lateinamerikanischen Staaten ausgedehnt. Die von ihr kontrollierte Banque Française et Italienne pour l’Amerique du Sud ist der verlängerte Arm der französischen Großbank südlich des Rio Grande Nicht weniger wichtig als das Geschäft in der westlichen Hemisphere ist die Aktivität der französischen Bank in der Republik Südafrika. In Europa hat sich die Banque de Paris vor allem an der Finanzierung der spanischen Industrieexpansion beteiligt und ihre belgischen Interessen ausgebaut. Auch am Ostgeschäft, vor allem an den französischen Industrieexporten nach der UdSSR und den anderen kommunistischen Ländern wie Polen, Tschechoslowakei und Bulgarien, ist die Banque de Paris führend beteiligt.