Von Kai Hermann

Berlin, Ende November

Ein blasser Jüngling schlich mit einer übergroßen Todesanzeige durch den Saal Nach langem ideologischem Leiden verstarb die SPD." Ein trotziger Falke auf knallrotem Grund, Emblem der sozialdemokratischen Jugendorganisation, stieg in den blaß-rosa Abendhimmel bajuwarischer Alpengipfel – Kulisse eines Bockbierfestes. Trotzdem – Stimmung und Melancholie lagen über dem Festsaal der "Neuen Welt", in dem Berliner Sozialdemokraten den unaufhaltsamen Aufstieg ihres Regierenden zum Vizekanzler auf eigene Art begingen.

Die zierliche Marianne Regensburger, Publizistin und kämpferische Sozialdemokratin, hauchte ins Mikrophon: "Genossen und Genossinnen, das ist wahrscheinlich das letzte Mal, daß ich diese Anrede gebrauchen kann." Sie sprach dann von der Möglichkeit, rote Parteibücher mit roten Fäden zu Zehnerpäckchen gebündelt an die Parteizentralen zu schicken. Der bullige Falken-Vorsitzende Gleitze rief in das gleiche Mikrophon: "Wir werden. die rechten Abweichler schon zur Raison bringen."

Der Festsaal II des Restaurationsbetriebes "Neue Welt" – dort, wo die Karl-Marx-Allee die Arbeiterviertel von Kreuzberg und Neukölln verbindet – ist so etwas wie der Parlaments- und Klagesaal der Sozialdemokraten geworden. Da formierte sich die Opposition gegen die Parteiführung nach der letzten Bundestagswahl und artikulierte sich die Kritik an Herbert Wehner. In den bunten Bierfestdekorationen hüten die Berliner Sozialdemokraten die stolze Tradition innerparteilicher Demokratie.

Was freilich dort in der Nacht zum Mittwoch geschah, hatte auch dieser Saal noch nicht erlebt: SPD-Funktionäre und Mitglieder veranstalteten eine Protestkundgebung gegen ihre Parteiführung und diskutierten über die Konsequenzen aus dem Bündnis der CDU.

Was Günther Grass eine "miese Ehe" nannte, bezeichnete der "Fraktionsführer" der Linken in der Berliner SPD, Harry Ristock, etwas derber als "Unzuchtsverhältnis". Und während im Nebenzimmer Stimmungskanone Kallekirch "Bockbier-Ehen" für eine Nacht schloß, sannen die Rebellen darauf, wie man die unkeusche Bonner Liaison wieder auseinander zwingen könnte.