Von Ludwig Marcuse

Unsere Akademien ähneln auch nicht die Spur mehr der ersten. Sie war keine wissenschaftliche Gesellschaft, keine Versammlung von schreibenden Mitgliedern; auch die „Gruppe“ ist jener wesensfremd. Aber durch die Jahrhunderte gab es Philosophen- – und Dichterschulen, die nicht nur in Lehre und Stil eins waren.

Es wäre gut, die Historie jener Lebens- und Lehrgemeinschaften aufzuzeichnen, ihrer Meister und Adepten: In einem großen Zusammenhang die societas Platos und Jesu und den George-Kreis und viele ähnliche Gebilde dazwischen. Vielleicht ist im zwanzigsten Jahrhundert keine „Akademie“ so mächtig dagewesen wie die „Gesellschaft“ Freud. Sie ist recht bekannt: Vor allem aus der offiziellen Biographie des Engländers Ernest Jones und jedes Jahr mehr aus den Veröffentlichungen der Korrespondenzen Freuds mit Fliess, mit Abraham, mit Pfister und jetzt mit Lou Andreas-Salome.

Sie sind auch Einblicke in den Ursprung der Analyse und ihrer Entfaltung. Doch ist oft der theoretische Gewinn nicht so groß wie die Erhellung der Art des Forschers Freud, des Kreises von bedeutenden Gelehrten und Charakteren, vor allem der zentripetalen und zerstörenden Kräfte innerhalb der „Bruderschaft“. Die Problematik jeder Demokratie wird hier an einem Einzelfall sehr deutlich: weder unumschränkte Autorität noch Toleranz bis zur Selbstaufgabe. „Man muß“, liest man in

Sigmund Freud / Lou Andreas-Salomé: „Briefwechsel“, herausgegeben von Ernst Pfeiffer; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 296 S., 24,– DM

„an der Einheitlichkeit des Kerns festhalten

Der persönliche Konflikt war immer nur ein Akzidens. Auch aus dieser Korrespondenz ist viel zu lernen über den Mann, der bis zu diesem Tag als herrischer und wilder Spekulant verzeichnet wird.