Von Herbert Eisenreich

Wer aus dem Westen nach Österreich einreist, der betrachtet Wien als seine Endstation; und zwar keineswegs nur aus politischen Gründen. Denn was sollte ihn – so fragt unser Reisender sich – in jenem schmalen Streifen bis zur ungarischen und tschechoslowakischen Grenze noch erwarten, nachdem er hier im Stephansdom und im Belvedere gewesen, die Brueghel-Sammlung im Kunsthistorischen Museum und die Schatzkammer, die Kapuzinergruft und die Spanische Hofreitschule besichtigt, im Riesenrad gefahren und beim Heurigen gesessen. Nein wirklich: Was sollte ihn weiter östlich noch erwarten, wenn er nicht die Absicht hat, über die Grenzen zu gehen.

Nun, es erwartet ihn nichts Geringeres als das, was der deutsche Historiker Mommsen das „österreichische Pompeji“ genannt hat. Als Wien – damals Vindobona – nur ein lausiges Garnisonsnest war, konzentrierte sich die politische und militärische Macht der Provinz etwa 50 Straßenkilometer weiter östlich, im Bereich der heutigen Ortschaften Petronell und Deutsch-Altenburg: in Carnuntum. Im Lager standen bis zwei Legionen, im Hafen lag die Donauflottille, in der Zivilstadt lebten zur Zeit ihrer Blüte mindestens 50 000 Menschen: Hier hatte Marc Aurel sein Hauptquartier (und schrieb hier das II. Buch seiner „Selbstbetrachtungen“), hier wurde Septimus Severus zum Kaiser ausgerufen, hier konferierte Diokletian mit seinen Nachfolgern über die Zukunft des Reiches. Um die Wende vom 4. zum 5. Jahrhundert freilich versank auch diese einst so glänzende Stätte im Strudel der Völkerwanderung, und im 19. Jahrhundert, als das Interesse an der Vergangenheit jäh erwachte, befand sich nurmehr ein einziges Denkmal der Römer über der Erde: das sogenannte „Heidentor“ bei Petronell.

Die neuen Siedler der nachrömischen Jahrhunderte hatten die Trümmer Carnuntums verwendet. In Kirchen, Schlössern und Häusern der Gegend ist sehr viel römisches Material verbaut.

Um 1880 begann man, tiefer zu graben, aus militärwissenschaftlichem Interesse zumeist, vornehmlich im Bereich des Lagers. Zwei Amphitheater wurden freigelegt und tausende Einzelstücke ausgegraben: Münzen, Waffen, Werkzeuge, Krüge, Altäre, auch ein Brotlaib, ein Büschel Haare, ein Landvermessungsgerät in Form eines hohlen, mehrfach durchlöcherten Pentagondodekaeders und natürlich auch Kritzeleien der Lausbuben: „Fritz ist doof!“ auf lateinisch. Aber erst seit dem Ende des letzten Krieges erfährt Carnuntum, vor allem durch die niederösterreichische Landesregierung, die ihm gebührende Förderung. Die Umgebung von Petronell verwandelte sich in ein gigantisches Freilicht-Museum. Das Museum Carnuntinum zu Deutsch-Altenburg, eine wahre Schatztruhe voll von römischen Altertümern, wurde renoviert, wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Publikationen informieren den Besucher über die Details und über die größeren Zusammenhänge der römischen Geschichte Österreichs.

Man muß sich nur ein wenig Zeit nehmen, das Auto womöglich abstellen und zu Fuß weiterwandern, die Augen offenhalten und schauen: Denn diese Landschaft, geprägt von dem strengen und klaren Geist Roms, gibt sich nur dem zu erkennen, der mit wachen Sinnen in ihr verweilt, der ihren Geist in den seinen einströmen läßt. Man muß nur schauen können, dann empfindet man heute noch das Limes-Gefühl, mit dem der Legionär hinab in den dunstenden Auwald starrte, ins absolut Fremde, ins schlechthin Feindliche; und in den Museen sprechen die Dinge zu dem, der wirklich schauen kann, von dem ewig gleichen Menschenschicksal, vergänglich zu sein und dennoch eine Spur zu hinterlassen auf dieser Erde. So steht man, eine knappe Autostunde vom turbulenten Treiben, vom Gewirr und Geflirr der Wiener Innenstadt entfernt, an einem Ort, wo der Boden unseres Daseins durchsichtig ist und wir die Fundamente sehen, auf denen heute noch unsere Welt beruht. Es ist der Ort, wo anschaulich wird, was Hugo von Hofmannsthal einmal gesagt hat: „Uralter europäischer Boden ist uns zum Erbe gegeben, zweier römischer Reiche Nachfolger sind wir auf diesem, das ist uns auferlegt, wir müssen es tragen, ob wir wollen oder nicht: heilig und schicksalvoll ist der Heimatboden!“

Wer Wien, wer Österreich kennen und verstehen lernen will, sollte auch Carnuntum sehen: ein Denkmal jener Anfänge, die bis auf den heutigen Tag unser Leben bestimmen in Politik und Strategie, in Jurisdiktion und Literatur, in unserem ganzen von der lateinischen Grammatik geformten Denken. Selbst der Verlauf der Bundesstraße 9, über die unsere Autos da hinausrollen, ist weitgehend identisch mit dem der alten Römerstraße.