Von Hanspeter Dörfel

Mit folgenden Worten versicherte sich Johann Peter Eckermann 1835 in seinem Vorwort zu den „Gesprächen mit Goethe“ des Wohlwollens seiner Leser: „Ebenso wird man vielleicht auf manches stoßen, was beim ersten Anblick den Schein des Unbedeutenden hat. Sollte man aber tiefer blickend bemerken, daß solche unbedeutenden Anlässe oft Träger von etwas Bedeutendem sind, auch oft etwas Spätervorkommendes begründen, oder auch dazu beitragen, irgendeinen kleinen Zug zur Charakterzeichnung hinzuzutun, so dürften sie, als eine Art von Notwendigkeit, wo nicht geheiligt, doch entschuldigt werden.“ Begeisterte Rezensoren preisen A. E. Hotchner als „Hemingways Eckermann“. Indessen wären dem Suchen nach Bedeutendem und dem Bemühen, Tiefen zu erspähen, kein Ende und wenig Erfolg beschieden. Zum Eckermann reicht es nicht oder zum Boswell, dafür aber – wohl auch in unserem anderen Land – zum big business –

A. E. Hotchner: „Papa Hemingway“, aus dem Amerikanischen von Paul Baudisch; R. Piper & Co. Verlag, München; 368 S., 22,– DM.

A. E. Hotchner kam 1948 nach Havanna, um Hemingway im Auftrag des Cosmopolitan zu einem Artikel über die Zukunft der Literatur zu bewegen. Hemingway fand Gefallen an dem einundzwanzig Jahre jüngeren Journalisten und nahm ihn im Lauf der Zeit in den Kreis seiner engeren Freunde auf. Man traf sich fortan „mindestens einmal jährlich“, meist nur für wenige Tage. Gelegentlich kam es zu gemeinsamen Unternehmungen von längerer Dauer: Im Spätjahr 1950 verbrachte Hotchner mit den Hemingways etwa zwei Monate in Paris und begleitete sie dann nach Venedig, im Jahre 1959 folgte man – wiederum zwei Monate lang – gemeinsam den Spuren Jake Barnes’ durch Spanien. Zwischen den Zusammenkünften wurden zahlreiche Ferngespräche geführt, die manchmal über eine Stunde dauerten und großenteils wortwörtlich abgedruckt sind. Von einem Briefwechsel (der sicher stattfand – Hemingway schrieb oft und gern Briefe) ist nur sparsam die Rede.

Obgleich also Hotchner im ganzen recht selten mit „Papa“ zusammentraf, versteht er in seinem Buch den Eindruck zu erwecken, als seien nur ganz wenige und geringfügige Ereignisse in den letzten vierzehn Jahren von Hemingways Leben seinem unmittelbaren Einblick verschlossen geblieben. Immer mehr glaubt man in Hotchner, wie er – selbstlos stets und opferbereit, in jüngerhafter Bewunderung für den Meister – dem Leser entgegentritt, den einzigen wirklichen Freund Hemingways zu erkennen.

Hotchner gliedert sein Buch nach Zeitabschnitten in vier Teile; die jeweiligen Treffpunkte liefern die Kapitelüberschriften. Ein bedeutsamer Einschnitt, gebildet durch die beiden Flugzeugabstürze Hemingways während seiner Afrika-Safari 1953/54, liegt zwischen Teil I und Teil II. Die Verletzungen, die der Dichter dabei erlitt, sind nach Hotchners Ansicht Ausgangspunkt für Hemingways physischen und psychischen Verfall. Seit diesen Unfällen ist er nie mehr frei von Schmerzen. Im dritten Teil, dessen Kernstück die Spanien-Reise von 1959 ist, aus der das Buch „The Dangerous Summer“ hervorging, scheint Hemingway für Hotchner fast wieder „der alte“ zu sein; der vierte schildert die beiden letzten unglücklichen Jahre bis zu Hemingways Selbstmord.

Außer dieser groben Einteilung gibt es in diesem Buch kein Strukturprinzip. Das Wortspiel vom hotch potch, Kuddelmuddel, kommt in den Sinn, noch ehe man es in Philip Youngs Artikel „On Dismembering Hemingway“ entdeckt. Ereignisse, Beobachtungen, Gespräche, Anekdoten werden in bunter Folge ohne inneren Zusammenhang aneinandergereiht. Das Angebot von Trivialitäten ist so groß, daß man Hotchner darin jeden Rekord zuerkennen möchte. Es erscheint ihm keineswegs zu belangslos, an zwei Stellen darauf hinzuweisen, daß Hemingway seines Wissens niemals Unterwäsche getragen habe (auf zwei Abbildungen trägt Hemingway übrigens sichtbar Unterhosen), Hemingways Bewunderung für die Kopulierfreudigkeit der venezianischen Täuberiche herauszustellen oder unzählige Male die Speisen- und Getränkefolge bei den verschiedenen Zusammenkünften zu schildern.