Der Entschluß der SPD-Führung, in eine Bundesregierung Kiesinger einzutreten, brachte landauf landab das Parteivolk in Wallung. Vorstand und Bundestragsfraktion der SPD wurden mit Protesttelegrammen überschüttet. Den heftigsten Widerstand leisteten die Landesverbände in Bayern, Schleswig-Holstein und Südhessen. Allerdings siegte fast überall schließlich die Parteidisziplin.

Parteivorsitzender Willy Brandt blieb in allen Stürmen gelassen: „Diese Partei der 720 000 aktiven Mitglieder ist nie eine bloße Ja-Sager-Organisation gewesen.“ Zu den vielen Austrittsdrohungen meinte Carlo Schmid nur, es würden dafür andere in die Partei eintreten.

Zulauf erhielten die oppositionellen Sozialdemokraten von den Linksintellektuellen, den Gewerkschaften, den Jungsozialisten, den Falken und den Studentenverbänden SHB und SDS, die in verschiedenen Großstädten auf die Straßen gingen. Unter den Demonstranten in Westberlin tummelte sich auch Peter Brandt, der Älteste des SPD-Chefs,

Unerbetene Unterstützung wurde ihnen aus Ostberlin gewährt. SED-Chef Walter Ulbricht hatte schon vor Tagen in einem Brief an Willy Brandt einer Mini-Koalition von SPD und FDP seinen Segen erteilt und gedroht, eine Koalition der SPD mit Strauß müsse „die ohnehin schon sehr komplizierten Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten nur noch weiter komplizieren“. Das SED-Zentralorgan „Neues Deutschland“ spricht nur noch die Fallex-Übung anspielend) von einer „Bunker-Koalition“.

Nicht weniger hart war die Kritik, die Anfang dieser Woche bei den Freien Demokraten laut wurde, als sie ihre Koalitonhoffnungen begraben mußten. Ihr Pressedienst behauptete, CDU/CSU und SPD steuerten „das Ende der parlamer karischen Demokratie in Deutschland“ an.