Von Wolfgang Schwarz

Jürgen Spenz: Die diplomatische Vorgeschichte des Beitritts Deutschlands zum Völkerbund 1924–1926, ein Beitrag zur Außenpolitik der Weimarer Republik. Musterschmidt-Verlag Göttingen. 216 Seiten, 35,– DM.

Im Herbst 1923 konnte das Reich den passiven Widerstand des besetzten Ruhrgebietes nicht länger finanzieren. Es blieb nichts anderes übrig, als ihn bedingungslos aufzugeben. Mit äußerster Mühe gelang es schließlich Reichspräsident Eberl, Reichskanzler Stresemann und nicht zuletzt der Reichswehr, gegen. Separatisten, Kommunisten von links, Putschisten von rechts das Reich zusammenzuhalten. Und dann geschah etwas schier Unglaubliches. Es dauerte nur drei Jahre, bis nach dieser zweiten Katastrophe das Reich neben Frankreich, England, Italien, Japan innerhalb, und neben den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion außerhalb des Völkerbundes den Großmachtsrang wiedererrang. Dieser 10. September 1926 ist heute so gut wie vergessen; soweit, wir sahen, hat nur eine einzige größere Zeitung dieses Stückes deutscher und doch zugleich auch europäischer Geschichte an seinem vierzigsten Jahres-, tage gedacht. Es ist mit der Weimarer Republik untergegangen. Doch sollte man sich dieses Abschlusses jener Nachkriegsperiode bewußt sein. Bei aller Verschiedenheit der Ausgangslage stellt sie ein Modell dar für eine selbständige deutsche Außenpolitik.

Der aus der Schule Egmont Zechlins hervorgegangene Verfasser konnte über den seit Jahren zugänglichen Stresemann-Nachlaß hinaus, sich auf die in Bonn und Koblenz lagernden deutschen Akten, die russischen Dokumenten Veröffentlichungen dieser Jahre und das Pressearchiv des Völkerbundes in der Bibliothek der Vereinten Nationen in Genf stützen. Freilich: die englischen – und doch auch die französischen! – Akten der Periode sind noch nicht zugänglich, und sicher interessante Einzelheiten sind für immer verloren: in einer eigentümlichen Panik, über die man gern Genaueres, erführe, wurden wegen einer vermeintlichen Hitler-Invasion in die Schweiz die persönlichen Akten des Völkerbundssekretärs Drummond 1941 vernichtet.

Unter dem korrekten, etwas eng gefaßten Titel zeichnet Spenz ein zutreffendes Bild der damaligen Reichspolitik zwischen West und Ost. Während das Ideologische daran, der Eintritt in die Friedensorganisation des, gewiß durch das Fernbleiben Amerikas und Rußlands von Anfang an geschwächten Völkerbundes vielleicht etwas zu kurz kommt, macht die sorgfältige Arbeit klar, wie mit seinen Gehilfen, dem Staatssekretär (von Schubert), dem „Kronjuristen“ (Gaus) und den Botschaftern in London, Paris und Moskau (Sthamer, Hoesch, Brockdorff-Rantzau) und von den beiden Reichskanzlern Marx und Luther loyal unterstützt der Vorsitzende der Deutschen Volkspartei, der parlamentarisch erfahrene Gustav Stresemann, mit Instinkt, Geschick und Einfühlungsvermögen eine eigene deutsche Außenpolitik als Außenminister seit Dezember 1923 durchsetzte. In der erfolgreichen Begegnung mit den Gegenspielern Austen Chamberlain, Briand und Tschitscherin hat er im Lauf der Verhandlungen vor, in und nach Locarno die Sicherung der deutschen Westgrenze und den ständigen Ratssitz erreicht, zugleich aber das Vertrauen Moskaus behalten und eine freiwillige neue Anerkennung der Versailler Grenze gegenüber Polen vermieden.

Besonders arbeitet Spenz heraus, daß es der Reichsregierung gelang, ohne anzustoßen, das Recht auf praktische Neutralität in einem damals für möglich gehaltenen polnisch-russischen Zusammenstoß zu sichern und dabei das französischöstliche Bündnissystem zu lockern. Merkwürdigerweise ist die doch ebenfalls ein Kapitel verdienende freiwillige Anerkennung der Abtretung Elsaß-Lothringens und der Entmilitarisierung der drei Rheinlandzonen so gut wie übergangen. Gut tritt schließlich hervor, daß das in Genf mit solcher Begeisterung aufgenommene Reich darauf verzichtete, eine Opposition gegen das englischfranzösische Übergewicht zu führen.

Da es sich um eine völkerrechtlich-diplomatische Darstellung handelt, kommt die innenpolitische Seite der Leistung Stresemanns zu kurz. Er hatte auch den Gefühlswiderstand des alten Marschalls zu überwinden. Nach Locarno’soll Hindenburg ausgerufen haben: „Ein Garantiepakt – das geht noch, aber vom Völkerbund will ich nichts hören.“ Er unterschrieb dann aber doch. Teils einer Mehrheitsregierung mit den Deutschnationalen, teils einer Minderheitsregierung angehörend, hat Stresemann seine deutsche Großmachtpolitik in den Völkerbund hinein, nur mit der ständigen Unterstützung der „Oppositionspartei“, der Sozialdemokraten, durchsetzen können. Spenz’sorgfältige und kenntnisreiche Arbeit über die drei großen Weimarer Jahre läßt den derzeitigen bundesrepublikanischen Immobilismus recht erbärmlich anmuten.