Hagen

Die Zuschauerbänke im Saal 201 des Hagener Landgerichts bleiben seit Wochen fast leer. Das Verfahren gegen elf ehemalige SS-Unterführer, die im Vernichtungslager Sobibor an der planmäßigen Ausrottung von mindestens 150 000 Juden mitgewirkt haben, findet in der Öffentlichkeit kaum mehr Beachtung. Nicht einmal am Prozeßort ist der Name Sobibor bekannt. Ein Student hatte an einer belebten Straßenecke Passanten befragt: „Was wissen Sie von Sobibor?“ Schüler, Hausfrauen, Arbeiter und Beamte zuckten als Antwort meist nur mit den Schultern. Eine Hausfrau tippte auf ein neues Waschmittel.

Dabei hätte gerade dieser Prozeß wegen seiner besonderen Begleitumstände eine größere Beachtung verdient. Wohl zum ersten Male in der deutschen Nachkriegsgeschichte wurde ein Verfahren gegen ehemalige KZ-Wächter schlichtweg als „Verbrechen“ bezeichnet. So war es in der „Deutschen National- und Soldaten-Zeitung“ zu lesen. Autorin Regina Dahl schöpfte allerdings für ihre beiden Artikel über den Sobibor-Prozeß nicht aus eigenen Quellen. Der Verteidiger des ehemaligen SS-Oberscharführers Karl Frenzel, der Hagener Rechtsanwalt Leonhard Reintzsch, versorgte die Schreiberin mit Material. Vom Anklagevertreter, Staatsanwalt Dr. Schermer, zur Rede gestellt, leugnete Reintzsch zunächst seine Mitwirkung an den Veröffentlichungen in der „National-Zeitung“; ein paar Tage später gab er es dann zu. Nachträglich versucht der Rechtsanwalt seine fragwürdige Handlungsweise damit zu entschuldigen, daß er sich über den Charakter der „National-Zeitung“ nicht im klaren gewesen sei.

Die beiden, in Ko-Produktion hergestellten Artikel sind in ihrer raffinierten Mischung von Tatsachen und Verdrehungen ein Musterbeispiel unterschwelliger Propaganda. Natürlich muß auch die „National-Zeitung“ zugeben, daß in Sobibor mindestens 150 000 Juden ermordet wurden – was im übrigen von keinem der elf Angeklagten bestritten wird – aber dann werden Satz für Satz sich harmlos gebende Fragen oder objektiv erscheinende Bedenken in den Text eingestreut, die zum Schluß in handfeste, verfälschende Behauptungen münden und im unbefangenen Leser den Eindruck erwecken müssen, als sei die Judenvernichtung nur eine Erfindung der Feinde Deutschlands.

So wird etwa der historische Hintergrund der Judenmorde als „die seit Jahren durch deutsche Gerichtssäle geisternde sogenannte Aktion Reinhard“ bezeichnet. Hermann Göring ist in der „National-Zeitung“ nicht einer der Urheber der Judenvernichtung sondern „er wird von den Gerichten als Initiator ... bezeichnet.“ Über die Staatsanwaltschaft und die letzten Überlebenden des Lagers Sobibor werden ganze Schmutzkübel von Verleumdungen ausgeschüttet. Bereits in den Überschriften der „National-Zeitung“ wird die Marschrichtung angegeben: „Der Großbetrug in KZ-Prozessen – ‚Wiedergutmachungs’-Zeugen lügen DM.“

Zunächst versucht die Zeitung den Eindruck zu erwecken, als hätten zwischen den einzelnen Zeugen vor ihrer Vernehmung Absprachen stattgefunden, oder sie seien mit Hilfe der Staatsanwaltschaft „instruiert“ worden. Da wird von: „Beeinflussung“, „Regie“, „passenden Belastungen“ und „Regiefehlern“ gesprochen. Ein große: Teil der Zeugen, die vor dem Hagener Gericht erschienen seien, wäre überhaupt nicht in Sobibor gewesen. Wiedergutmachungsakten, die durch das ausschließliche Verdienst von Rechtsanwalt Reintzsch in das Verfahren eingeführt worden seien, hätten eindeutig bewiesen, daß es den jüdischen Überlebenden ausschließlich um ihre „großzügig von der Bundesrepublik bewilligten Renten“ gegangen wäre. Einige tatsächlich nachgewiesene Widersprüche in eidesstattlichen Erklärungen wurden dazu benutzt, die Glaubwürdigkeit aller jüdischen Zeugen in Zweifel zu ziehen. Über einen dieser Zeugen schreibt das Blatt: „Das Ausstellen von eidesstattlichen Erklärungen ist ihr offensichtlich zur Lebensaufgabe geworden.“

Im Zusammenhang mit dem Selbstmord eines der drei Hauptangeklagten, des ehemaligen SS-Oberscharführers Kurt Bolender, spricht die „National-Zeitung“ sogar von einer „Demonstration der Ohnmacht eines Angeklagten gegenüber dem organisierten Aufgebot von Belastungszeugen“. Gegen die Aussagen „versierter Zeugenveteranen sei kein Kraut gewachsen“, und es sei unerträglich zusehen Zu müssen „wie neue Verbrechen den alten aufgesetzt werden“.