Kemnath/Opf.

Wenn in Schorbach, einem Dörfchen im Fichtelgebirge, die Kinder dumm bleiben, dann nicht deshalb, weil die Regierung in Bayern meinte, Deppen könne man leichter regieren. Schurbach gehört zur Gemeinde Neusorg im Landkreis Kemnath/Oberpfalz, und in Neusorg steht eine moderne Mittelpunktschule, mehrklassig und mit mehr Lehrmitteln ausgestatet als einklassige Dorfschulen, die sich in dieser Hinsicht gemeinhin mit ausgestopften Waldvögeln und einem Christusbild begnügen.

Wenn in Schurbach die Kinder dumm bleiben, dann schon eher, weil sie gar nicht zur Schule gehen. Die Schule in Neusorg steht ihnen zwar offen, aber die Eltern schicken sie nicht hin. Sie erlauben es nicht. Sie sind böse. Sie sind der Regierung in Regensburg böse und dem Landrat Valentin Kuhhandel in Kemnath, sie sind auch ein bißchen miteinander böse, und überhaupt sind sie Fichtelgebirgler, und die haben ihren eigenen Kopf. Also: Lucia Kuchenreuther und Wolf gang Ponath, die beiden Abc-Schützen von Schurbach dürfen ihre Zuckertüten und Schiefertafeln nur wehmütig anblicken, zur Schule dürfen sie nicht, genauso wenig wie die anderen Schurbacher Kinder. Und das hat seine mannigfache Bewandtnis.

Schurbach hatte eine eigene Schule, eine Zwergschule, wie man die einklassigen dörflichen Bildungsstätten nennt, und die Zwerge aus dem Fichtelgebirge waren ganz glücklich mit ihrer Schule. Bis die Regierung 1963 den Entschluß faßte, den Schurbacher Nachwuchs besserer Bildung teilhaftig werden zu lassen und das Schulden aufzulösen.

Die Eltern waren empört. Und da die Fichtelgebirgler ihren eigenen Kopf haben, sannen die Schurbacher auf einen Ausweg, um ihre Schule zu behalten. Die Regierung hatte gesagt, es seien zu wenig schulpflichtige Kinder im Dorf, die Schule sei also überflüssig. Nun gut, die Leute von Schurbach wußten Rat. Listig überredeten sie Freunde und Verwandte aus der weiteren Umgebung, ihre Kinder nach Schurbach zur Schule zu schicken. Sie holten „Gastschüler“ aus den Hochwassergebieten des Donau-Raumes, und besonders Findige füllten ihre Familien mit Kindern auf, die sie im Regensburger Waisenhaus adoptierten. Indes: Als das Hochwasser der Donaugebiete sank, ging auch die Zahl der Schulpflichtigen wieder auf vierzehn herunter. Die Schule wurde aufgelöst, aus Neusorg kam der Schulbus, um die Kinder abzuholen. Aber das Vehikel, das Bayerns Ministerpräsident Goppel einst als Keimstätte sittlicher Gefährdung apostrophiert hatte, mußte unverrichteterdinge wieder umkehren: die Schurbacher waren in den Schulstreik getreten. Ortsbeauftragter Andreas Kuchenreuther erklärte – und kein Regierungserlaß vermochte das zu erschüttern –, man werde es „auf Biegen und Brechen“ ankommen lassen.

Da saßen sie nun, die Rebellen. Die Kinder saßen in der guten Stube herum und die Eltern von Tag zu Tag mehr auf dem trockenen. Am Ende ihres Lateins, das ihre Kinder vielleicht nie würden lernen dürfen. Der Schulbus machte statt Lehrfahrten Leerfahrten, und die Fichtelgebirgler wären keine Fichtelgebirgler, wenn sich nicht auch ein Streikbrecher in ihren Reihen befunden hätte. Das ist der Wirt vom Gipfelhaus auf der Koesseine, Günther König, als Vater von Ulrike und Juliane König sozusagen doppelt betroffen. Täglich setzte sich der Wirt in sein Auto und fuhr seine zwei Königskinder vom fast tausend Meter hohen Koesseine-Gipfel 35 Kilometer talwärts zum Schulhaus in Neusorg.

Königs Eigensinn hatte mancherlei Konsequenzen. Die Schurbacher boykottierten seinen Ausschank, sie drohten, seine Autoreifen zu zerstechen, ihm keine Winterkartoffeln zu liefern, ja, seine Töchter kurzerhand totzuschlagen. Selbst die Regierung in Regensburg wollte Königs Loyalität nicht honorieren: Ein Protestbrief, man solle ihm die täglichen Fahrtkosten ersetzen, blieb unbeantwortet. Auch mit dem erbetenen Polizeischutz für die beiden kleinen Wirtstöchter klappte es nicht so recht.