Von Sybil Gräfin Schönfeldt

Wer bin ich? Das ist, wie man noch in der Schule lernt, eine Grundfrage der Philosophie. „Erkenne dich selbst!“ galt es vom klassischen Altertum zumindest bis in die humanistischen Gymnasien unserer Väter, und es wurde angenommen, daß man – recht erzogen – etwas Rechtes zu erkennen hatte. Das muß unvergleichlichen Lebensmut verliehen haben.

Der deutschen Nation fehlt nun seit etwa einer Generation aus verschiedenen bekannten Gründen die rechte Lust, sich noch besser zu erkennen, als sie sich vor Freunden und Feinden zu erkennen gegeben hat. Das bedeutet natürlich: keine Nationaleigenschaften, kein Nationalstolz, die jeden decken und jeden schmücken. Nichts als ein Volk von Einzelheiten. Wie unerträglich dieser Zustand des Undefinierten vielen vorgekommen sein muß, zeigt der Erfolg einer Neuinterpretation dessen, was deutsch ist –

Joachim Fernau: „Disteln für Hagen“; F. A. Herbigs Verlagsbuchhandlung, Berlin, München, Wien; 220 S., 14,80 DM.

Diese „Bestandsaufnahme der deutschen Seele“ (so der Untertitel) findet in jenem Wagnerschen Opern-Walhall statt, das den Nazis schon so gut gefallen hatte, wie es den heutigen Bundesrepublikanern behagt: Heldischer Donnerschlag in sagenhafter Ferne klingt immer gut.

Fernau ist recht, was Wagner billig war. Warum soll die deutsche Seele auch aus den Materialien der Gegenwart erklärt werden? Die Nibelungen, die gar keine „Deutschen“ gewesen sind, die Schauplätze des Nibelungenliedes, die zum größten Teil garnicht in jenem Gebiet liegen, das seit 1870 Deutschland hieß, sind ja viel dekorativer und formbarer.

Fernau sichert sich nicht nur die gängigsten Helden, er schlägt aus Selbstverständlichkeiten sentimentales Kapital: Im Vorwort beschreibt er, wie seine Vorväter in Europa hin und her gezogen sind, und hängt daran die provokative Frage: „Sagt mir: wann ist das ewige Nibelungenlied, das im Original ‚Der Nibelungen Not‘ heißt, zu Ende?“ Lassen wir die Erklärung des mittelhochdeutschen nôt, lassen wir die kulturelle, wirtschaftliche, politische Ehrenrettung von Umzügen – man kann sich bei einem Autor, der einem schon auf Seite 6 das Nibelungenlied als eine Art Vertriebenen-Epos präsentiert, ausrechnen, wohin die Sache führt.