Von Marcel Reich-Ranicki

Der geschätzte Schriftsteller Stefan Andres, dem die deutsche Leserschaft schon viele Romane und zahlreiche Erzählungen verdankt, hat uns nun ein neues Werk beschert –

Stefan Andres: "Der Taubenturm", Roman; R. Piper & Co Verlag, München; 348 S., 19,80 DM.

Es ist, um es gleich zu sagen, ein erbauliches und bedeutungsvolles Buch, das reichlich Trost spendet und mit liebevollem Zuspruch nicht geizt. Und das, wie man hört, die Beladenen rasch zu erquicken vermag.

Manche Rezensenten haben sich vor dem neuen Roman bereits ehrerbietig verneigt. Auch findet sich der Titel seit Wochen auf jener Bestsellerliste des Spiegels, die ebensowenig ernst genommen wie ignoriert wird. So ist "Der Taubenturm" auf jeden Fall ein würdiger literarischer, wenn nicht gar dichterischer Gegenstand, der es verdient, daß man ihn aufmerksam und respektvoll betrachtet.

Vom Schicksal gütiger und edler Menschen in schwerer Zeit erzählt uns Stefan Andres. Es handelt sich vornehmlich um eine deutsche Familie, die während des Zweiten Weltkrieges in Italien lebt. Sie bewohnt in einem kleinen ärmlichen Ort in der Bucht von Salerno – vernachlässigt und etwas schmutzig, aber malerisch und sehr sympathisch – ein "auf dem Felsen ragendes patriarchalisches Barockhaus mit den Kuppeln und Terrassen". In unmittelbarer Nachbarschaft des zwar verkommenen, doch schönen Hauses befindet sich ein wiederum sehr malerischer, wenn auch verfallener Friedhof. Er gemahnt den Familienvater Odilo, einen fünfzigjährigen Sinologen, oft an die Vergänglichkeit unseres Daseins.

Daß Odilo ein feinfühlender und edler Mann ist, sagt er uns selbst. Denn ein großer Teil des Romans besteht aus seinen Tagebucheintragungen, in denen er freimütig nicht nur über seine Familie berichtet und über das Leben schlechthin meditiert, sondern uns auch in seine Seele blicken läßt.