Von Rudolf Hartung

Nach welchen Prinzipien der deutsche Verleger von Henry James dessen Werk ediert, ist nicht ganz einsichtig. Begonnen wurde vor nunmehr zwölf Jahren, vielleicht nicht ganz glücklich, mit dem Roman „Die Prinzessin Casamassima“. Nach diesem Werk aus der mittleren Schaffenszeit wurde vor- und zurückgegriffen, vermutlich in dem Bestreben, möglichst früh einen ungefähren Begriff vom ganzen James zu geben: von der Thematik seiner Romane und Erzählungen; von der immer subtiler werdenden Kunst dieses einzigartigen Romanciers.

Die drei Meisterwerke des späten James lagen mit dem 1963 erschienenen Roman „Die goldene Schale“ vollständig vor. Ihm folgte, vor zwei Jahren, mit den „Damen aus Boston“ ein Roman wieder aus der mittleren Periode; im Vorjahr erschienen dann die lange erwarteten und etwas enttäuschenden „Notebooks“ unter dem mehr versprechenden Titel „Tagebuch eines Schriftstellers“. In diesem „Tagebuch“, in welchem in der Hauptsache Ideen und Fabeln für zu schreibende Werke fixiert sind, ist an mehreren Stellen die Rede auch von dem frühen Roman

Henry James: „Der Amerikaner“, Roman, aus dem Englischen von Herta Haas; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln/Berlin; 465 S., 26,– DM.

Wie in anderen Werken der Frühzeit – etwa „Roderick Hudson“ und „Daisy Miller“, später dann in „Bildnis einer Dame“. – behandelt Henry James auch in diesem 1876/77 entstandenen Roman sein „internationales Thema“: die Begegnung und geistig-moralische Auseinandersetzung von Amerikanern mit dem alten Erdteil. Der Autor selber hatte kurz vor der Niederschrift dieses Romans Amerika verlassen, um in Europa, zuerst in Paris, dann in London und später in Südengland ganz seiner künstlerischen Arbeit zu leben. Der Boden Europas erschien ihm reicher, trächtiger an Geschichte und Schicksal, kultivierter in jeder Hinsicht und darum für den Künstler ergiebiger – Amerika war für ihn ein Land, „in dem es keine Schatten gibt, keine Altertümlichkeit, kein Geheimnis, kein malerisches, dunkles Unrecht...“

Das Credo und die Entscheidung eines amerikanischen Romanciers, der dorthin ging, wo er sich für seine Kunst am meisten erhoffte. Aber warum reist Christopher Newman, der sehr – reiche, sehr erfolgreiche Held des Romans „Der Amerikaner“, nach Europa? Warum finden wir diesen hochgewachsenen zweiundvierzigjährigen Selfmademan in Paris, wo er sich an einem „strahlenden Maitag des Jahres 1868 nach einer ermüdenden Wanderung durch den Louvre mit „ästhetischen Kopfschmerzen“ auf einem Sofa niedergelassen hat?

Die Antwort, die der Roman auf diese Frage gibt, ist nicht ganz überzeugend. Christopher Newman will, wie er seinem amerikanischen Bekannten Mr. Tristram in Paris erzählt, sich in der Welt umsehen, will sich in Europa bilden und eine angenehme Zeit verleben: „Ich will alles sehen, was berühmt ist, und alles tun, was die besten Leute auch tun.“ Später, als der Autor selber einmal den Entschluß seines Helden interpretiert, versteigt er sich gar zu der Behauptung, Newman sei nach Europa gekommen, um hier eine Zeitlang ein intellektuelles, ein kritisches Leben zu führen – aus Protest gegen seine primitiveren Lebensfreuden habe er Amerika verlassen.