Walter Hildebrandt, „Siegt Asien in Asien?“ Musterschmidt-Verlag, Göttingen. 620 Seiten, 37,80 DM.

Die „Strukturprobleme“ Asiens zu lösen oder uns Westliche wenigstens ihnen nahe zu bringen, hat sich Professor Hildebrandt von der Politischen Hochschule Bielefeld, vielgereist und hochgelehrt, vorgenommen. Es geschieht dies auf über 600 Seiten bei 76 Seiten Anmerkungen und Quellennachweisen, wie sie kein Werk ausführlicher bringen könnte.

Was uns geboten wird, sollte aber wohl kaum Geschichts-, Gesellschafts- und Wirtschaftslehre der verschiedenen Länder Asiens sowie eine psychologische Auslegung östlicher Art des Denkens und Empfindens sein. Es wäre dies auch eine in einem ganzen Gelehrtenleben nicht zu bewältigende Aufgabe. Vielmehr handelt es sich bei Hildebrandt, wie schon die Titelschlagzeile anzeigt, um Journalistik. Ähnliche Themen hatten schon zahlreiche Reporter in der letzten Zeit neben ernsten Studien auch sachkundiger Publizisten behandelt, niemand allerdings in so geistreich ins Wissenschaftliche gehobener Form.

Eingefangen werden wir zunächst in das „Koordinatennetz der Probleme“ unter dem Titel „Der Kontinent im Feuerofen“. Zitieren wir nur einige von insgesamt 160 weiteren ähnlich reizvollen Überschriften. Im ersten Teil unter „Die Durststrecke Asiens“: „Gigantomanie – eine weitverbreitete Krankheit“, „Der Vergleich mit den roten Planstrategen“, „Die Geographie der Armut“ und unter dem weiteren Obertitel „Der Mensch zwischen den Fronten“: „Das Problem der Entfremdung“, „Seelenspaltung, Zynismus, Levantinertum“, „Osamu Dazai oder die radikale Form der Entfremdung“; unter Obertitel 3: „Philosophische Fragestellungen“; unter 4: „Soziologische Aspekte“, und dann nach den zwischengeschalteten „Modellfällen Burma und Indien“ die „Sonderfälle Japan und Indien“. Wer erschrickt nicht, wenn ihm ein solches Programm, von dem ich ein Zwanzigstel genannt habe, vorgestellt wird!

Wie hat nun Hildebrandt seine selbstgestellte Aufgabe zu bewältigen versucht? Einmal mit sehr fleißigen, vielseitigen Literaturstudien, sodann – und das ist das Neuartige dieser jedem Lernbegierigen imponierenden Leistung – im Rahmen vielfältiger Reisebetrachtungen. So sind denn neben dem künstlerisch angelegten Koordinatennetz tiefschürfende völkerpsychologische Analysen über Seelenspaltung, Tiefenperson und Kortikalperson, Gandhis Frontdenken und einiges mehr entstanden. Hier ein kleines Beispiel. Um die Personifizierung der Macht in östlichen Bereichen zu schildern, werden neben Betrachtungen über den Guru und Keudomeister Stellen aus Marco Polo, Moltkes Briefe und eine Greuelgeschichte von Lawrence angeführt. Marco Polo dient als Gewährsmann dafür, daß alle Personen, die einem Leichenkondukt der Chane begegneten, erwürgt wurden, einmal über zehntausend Personen. Von Moltke wird aus einem Brief an seine Frau angeführt, daß der türkische Sultan seine Großwesire zwischen zwei Zutrittspforten des Serails köpfen, und von Enver Damad, daß er einen armseligen Bulgaren ins Kesselfeuer seines Schiffes werfen ließ. Dazu wurde die wörtliche Bemerkung von ihm zitiert, als es im Ofen krachte: „Das war der Kopf, ihre Köpfe knallen immer so.“

Nun hat es lebendige Totenopfer auch im westlichen Anhängsel Asiens gegeben, Moltke natürlich bei einer Audienz eine reizvolle Betrachtung angestellt, während die Geschichte von Enver, einem hochkultivierten und empfindsamen Manne, in einem Wettbewerb von Schauermärchen preisgekrönt, zur Wirklichkeit nicht die geringste Beziehung haben kann. Man stelle sich vor, daß der an der Marmaraküste die Stellungen abfahrende Feldherr bei dem Dorfe Schakoi aussteigt, als einzigen Überlebenden einen alten Bulgaren vorfindet, ihn, um sein Mütchen an ihm zu kühlen, an Bord des Dampfers nimmt, mit ihm in den Maschinenraum vor die Feuer hinuntersteigt und dann „seine Bravi die Tür des Kessels hinter dem Zuckenden zuschlagen“ läßt.

Ich möchte meinen, daß Hildebrandt in einem solchen Falle das unterwegs oder selbst in der Literatur Aufgelesene seinen Lesern nicht ungeprüft hätte zumuten dürfen. Vor allem war es gerade einem Wissenschaftler nicht erlaubt, aus der von ihm selbst als makaber bezeichneten Erzählung den weitgehenden Schluß zu ziehen, daß „Große, die mit einem Wink das Leben anderer auslöschen und vielleicht sogar noch durch einen Witz das Alltägliche, ja die Langeweile markieren, die man bei diesem Geschäfte empfand, Macht höchstpersönlich demonstrieren ..., denn es war mehr, war geschichtlich Beladeneres, was sich da abspielte. Der uralte Personenkult Asiens machte sich bemerkbar, um ein modernes Wort für eine historisch untermauerte, tief aus der Geschichte heraufkommende Konvention sozialer Ordnung zu gebrauchen.“