Reinhold Kühnl: Das Dritte Reich in der Presse der Bundesrepublik. Kritik eines Geschichtsbildes. Europäische Verlagsanstalt, Frankfurt. 220 Seiten, 12,80 DM.

Wieweit hat die Tagespresse in der Bundesrepublik versucht, das Bild, das sich die Wissenschaft über Hitlers Machtergreifung, über den Beginn des Zweiten Weltkrieges und den Aufstand vom 20. Juli 1944 erarbeitet hat, an den Gedenktagen dieser Ereignisse im Jahre 1963 und 1964 ihren Lesern zu vermitteln, um sie zu kritischer Reflektion und Aktivität anzuregen? Wolfgang Abendroths im Vorwort gestellte Frage beantwortet sein Assistent Kühnl nach der Auswertung von über fünfzig „seriösen“ Tageszeitungen so: „Das Verhältnis zwischen der historischen Berichterstattung der Presse und den Ergebnissen der Wissenschaft ist merkwürdig ambivalent.“ Zwar beurteilten fast alle Zeitungen das Dritte Reich negativ, doch autoritäre, nationalistische, selbst faschistische Begriffe und Argumentationen seien an der Tagesordnung. Von Brachers Strukturanalysen und Sontheimers ideologiekritischen Studien habe die Presse methodisch wie inhaltlich fast nichts gelernt. Nur Untersuchungen über den äußeren Ablauf begrenzter Aktionen würden zur Kenntnis genommen, historische Prozesse allzusehr personalisiert, die Ursachen für das Dritte Reich nicht im gesellschaftlichen Raum gesucht. „Mit dem Ausweichen in die Sphäre des Irrationalen wird eine Analyse über das konkrete Verhalten der einzelnen politischen Kräfte überflüssig.“

Kühnls Ergebnisse, die er mit Hilfe der Inhaltsanalyse von Presseberichten und -kommentaren erzielt hat, stimmen erstaunlicherweise mit denen überein, die empirische Untersuchungen über das historische Bewußtsein von Jugendlichen, das ja vor allem durch den Geschichtsunterricht geprägt wird, ergeben haben (vergleiche Friedeburg/Hübner: Das Geschichtsbild der Jugend. München 1964). Wenn Schule und Presse, zwei entscheidende Faktoren im Kräftefeld des Sozialisierungsprozesses, gleichermaßen versagen, muß man entweder die Fähigkeit des durchschnittlich begabten Menschen zu kritischer Rationalität überhaupt in Frage stellen oder aber den Wissenschaftlern ihre Lehrqualifikation absprechen. Oder sollten gar die traditionellen Vorurteile der Praktiker (Lehrer wie Journalisten) gegenüber den sogenannten Intellektuellen so groß sein? Jedenfalls erscheint der Einwand wenig stichhaltig, die Presse habe nun einmal ihre eigenen Gesetze und könne differenzierte Sachverhalte nicht abstrakt darstellen.

Zu denken gibt auch die von Kühnl registrierte politische Tendenz der Presse, die historische Rolle des konservativen Bürgertums aufzubessern, ihren Anteil an der Entstehung und Festigung des Dritten Reiches zu verharmlosen, ihren Anteil an der Widerstandsbewegung überzubetonen. Was den letzten Vorwurf angeht, so kann er allerdings nicht in der Hauptsache die Presse treffen, sondern die Wissenschaft selbst, die den Widerstand der Arbeiterbewegung bis heute nur relativ beiläufig gewürdigt hat. Überhaupt scheint Kühnl von einem zu monolithisch-einseitigen Bild der Wissenschaft bei der Gegenüberstellung zur Tagespresse auszugehen.

Seiner Erklärung für die politische Tendenz der Presse ist im großen und ganzen nichts hinzuzufügen, wenn man Ausgangspunkt und Methode einer ersten Untersuchung dieser Art akzeptiert, der weitere wesentlich differenziertere folgen müßten. Kühnl sieht eine Parallele zwischen der gesellschaftlichen und politischen Entwicklung der Bundesrepublik nach 1949 und ihrer Presse. Hier wie dort sei der Trend zur Restauration unverkennbar. Wenn man sich aber der konservativen Tradition der deutschen Geschichte verpflichtet fühle, bleibe in der Darstellung des Dritten Reiches nur wenig Spielraum.

Manfred Kötterheinrich