Carl von Ossietzky: Schriften I und II, und Bruno Frei „Carl von Ossietzky“, Kassette Aufbau-Verlag, Berlin und Weimar. 33,– DM.

Es ist etwas Mißliches, aus dem Lebenswerk eines Publizisten Auszüge zu veröffentlichen mit dem ehrlichen Wollen, dem Mann und seinem Schaffen gerecht zu werden“, klagt ein Herausgeber mit den Initialen B. F., womit er grundsätzlich, in dem von ihm beklagten speziellen Fall besonders recht hat. Bringt man aus ungefähr vierhundert Aufsätzen zehn Prozent nach weit über dreißig Jahren auf den literarischen Markt, dann bedarf diese „Auswahl“ schon einer kritischen Durchsicht, zumal dann, wenn es sich um eine so faszinierende journalistische Persönlichkeit wie Carl von Ossietzky handelt, über dessen politischen Standort mangels Information sich viele Schreiber und Politiker in beiden Teilen Deutschlands noch uneins sind.

Daß Carl von Ossietzky über das Jahr 1945 hinaus „schweigen“ mußte, ist auf das Konto seiner in Ostberlin lebenden Witwe Maud v. Ossietzky zu schreiben, die in der DDR die Arbeiten nicht erscheinen und solche Vorhaben in der Bundesrepublik verbieten ließ.

Fast dreißig Jahre nach dem Eingang des denkwürdigen Telegramms vom 23. November 1936, in dem Carl von Ossietzky mitgeteilt wurde, daß ihn die Welt mit dem Friedensnobelpreis für das Jahr 1935 ehren wollte, wird das Schweigen gebrochen: Ossietzkys Schriften liegen „ausgewählt“ vor.

Bei der Lektüre der „ausgewählten“ Aufsätze Carl von Ossietzkys wird der Leser noch nach über dreißig Jahren gefesselt vom Stil eines brillanten Journalisten; aber gleichzeitig überzeugt die politische Weitsicht des ehemaligen Chefredakteurs der Zeitschrift „Weltbühne“. Doch durch die Auswahl des Herausgebers in Ostberlin wird Ossietzky nicht nur zensiert, mehr noch, sein Bild wird erheblich gefälscht. Es ist für den Kenner eine durchschaubare Geschichtsklitterung, der unbedarfte Leser läuft Gefahr, ein Fehlurteil über den „bürgerlichen Pazifisten“ Carl von Ossietzky zu fällen. Es fehlt der Aufsatz, in dem Ossietzky dem kommunistischen Führer Thälmann einen „lächerlichen Aufguß von nationalsozialistischem Faschismus“ bescheinigt, jenem Thälmann, „der sonst so viel Sozialrevolutionäre Pathetik in der Thermosflasche“ mitschleppt (16. September 1930); es fehlen „selbstverständlich“ die verschiedenen Beiträge Ossietzkys über das Verhältnis der Reichswehr zur Roten Armee. Die Kommunisten, schrieb Ossietzky am 28. Februar 1928, „lassen außer acht, daß die Rote Armee nicht der Revolver in der Faust des internationalen Proletariats ist, sondern in erster, zweiter und dritter Linie das Instrument des russischen Staates, der, wie bekannt, auch eins so absonderliche Schlafkameradin wie die deutsche Reichswehr nicht verschmäht“.

Ein vollständiger Ossietzky ist den Kommunisten offensichtlich auch heute noch gefährlich, weil er, vor über dreißig Jahren, ihre Machenschaften mit den Hitler-Leuten anprangerte. Als die Kommunistische Partei einen Antrag der Nationalsozialisten für einen Volksentscheid zur Auflösung des Preußischen Landtags 1931 unterstützte, schrieb Ossietzky am 28. Juni des Jahres: „Aber ohne Zweifel wird die kommunistische Entscheidung für das Referendum auf die Leute von rechts, die wegen der Aussichtslosigkeit des Unternehmens größtenteils zu Hause geblieben wären, belebend wirken... Dieser Beschluß (ist) nicht ohne heftigste Auseinandersetzung in der Parteizentrale zustande gekommen, und er wird auch in der Partei von denen, die sonst gewohnt sind, zur Zentrale wie zu den Kuppeln einer Kathedrale emporzuschauen, nicht völlig verstanden.“ Und am 2. Dezember 1930: „Es gibt eine Scholastik hierzulande, die durch keine neue Situation in ihrer Mundfertigkeit beeinträchtigt wird und auch die notwendigen Marx-Zitate parat hätte, wenn es Stalin plötzlich gefiele, katholisch zu werden.“

Das Ostberliner Werk ließe sich allein dadurch seitenlang besprechen, daß man aufzählte, was bei Carl von Ossietzky verschwiegen wird. Positiv ist, daß in den „Schriften“ auch die Aufsätze des jungen Ossietzky aus verschiedenen Berliner Blättern erscheinen; diese waren bisher noch nie gesammelt aufgelegt. Bruno Frei, gelegentlicher Mitarbeiter der „Weltbühne“ zu den Zeiten, als noch Tucholsky, Mehring, Kästner, Karsch und Hiller unter Ossietzky arbeiteten, hat die Biographie mit dem Untertitel „Ritter ohne Furcht und Tadel“ geschrieben. Sein stilistischer Abfall zu Ossietzky ist derart rapide, daß es selbst anspruchslosen Lesern nicht verborgen bleibt. Er hat viele bisher kaum bekannte Tatsachen aus dem Leben des Friedensnobelpreisträgers zusammengetragen und veröffentlicht, auch die Urteilsbegründung des Reichsgerichts zu Leipzig in Sachen „Landesverrat“ des Ossietzky, aber die geschichtlichen Abschweifungen und Belehrungen Freis machen sein Buch für die Kassette zu einem Ballast, werden für den Leser zu einer Qual.

Das Erbe Ossietzkys werde in der DDR verwirklicht, behauptet Bruno Frei, daher habe die Bundesrepublik auf ihn keinen Anspruch. Das heißt mit anderen Worten: auch nach über dreißig Jahren wird Carl von Ossietzky bei uns nicht erscheinen. Er ist zensiert und gefälscht worden, wie vieles in Deutschland soll er auch geteilt bleiben. Da aber Bundesbürger Bücher aus der DDR ohne Beschränkung über den westdeutschen Buchhandel beziehen können, ist die „Teilung“ nicht perfekt. Diese Kritik an der Fälschung wird aber leider nur hier erscheinen. Hans Dieter Baroth