Joan Haslip: Elisabeth von Österreich. Biederstein Verlag, München. Übersetzt von Alfred P. Zeller. 482 Seiten, 24,– DM.

Wenn Soraya längst vergessen sein wird, dann wird man noch von Elisabeth von Österreich lesen wollen. Sie war schön, stolz und traurig; sie besaß Geist und Mut; sie bewegte zu ihren Lebzeiten die Phantasie der Menschen; sie wird noch lange nach ihrem Tode die Melancholie erwecken, die der Anblick der Anmut und des Unglücks in den Menschenherzen wachruft.

Nach so vielen Büchern, die über sie geschrieben wurden, kann ein neues Buch nur dann Beachtung finden, wenn es neue Tatsachen und neue Gedanken bringt. Joan Haslip sieht die Kaiserin anders, als sie Zeitgenossen und Nachlebenden erschien; sie stützt ihre Auffassung durch die Quellen, darum begrüßt man dankbar ihr Werk.

Aber wirklich: dankbar? Mancher wird es beklagen, daß Joan Haslip das Bild zerstört, das er bisher von Elisabeth bewahrte. Wohl das schönste Buch über die Kaiserin hat vor mehr als einem Menschenalter Karl Tschuppik geschrieben, schön auch deshalb, weil seine Sprache der Dichtung nahekommt. Tschuppik hat Elisabeth in ein leicht verdämmerndes Licht gestellt, das dem Umriß dieser Gestalt zärtlich schmeichelte. Er war verliebt in Elisabeth, wie so viele Männer zu ihren Lebzeiten; er sah sie romantisch, ganz als Prinzessin aus dem Märchen.

Jahrzehnte später hat Graf Corti in materialreichen Büchern seine Darstellung sicherer als seine Vorgänger auf neu erschlossene Quellen gegründet. Joan Haslip deutet aber die Quellen noch entschiedener als er und fügt ihnen andere, von ihr gefundene hinzu.

Auch sie spricht gelegentlich von Romantik und Tapferkeit; aber die Autorin ist offensichtlich eine nüchterne Person, der die Schwermut einer gekrönten Frau nur geringen Eindruck macht. Sie hat Mitleid nicht nur mit der Kaiserin, sondern auch mit dem Kaiser, der Elisabeth zwar betrügt, aber den sie auch quält; oder mit den Hofdamen, denen sie das Leben verbittert. Die Verfasserin bemüht sich streng um Gerechtigkeit. Das macht das Buch so wichtig; aber von der unverstandenen Fee, von dem Märchenwesen, das von einer verknöcherten Umgebung gepeinigt wird, bleibt nicht viel übrig. Erst gegen das Ende ihres Lebens erhält die Gestalt tragische Züge.

Wir folgen willig noch einmal der Geschichte von der schon hundertmal erzählten Werbung des jungen Kaisers um die Prinzessin, dieser Liebe auf den ersten Blick, über der bei Elisabeth schon die Schatten der Schwermut stehen. Millionen von Mädchen und Frauen beneiden die junge Braut; aber sie schreibt in einsamen Stunden elegische Gedichte. Ahnungsvoll bekennt sie, sie liebe Franz Joseph ganz gewiß – aber: „... wenn er nur nicht Kaiser wäre!“ Und schon beginnt der Konflikt mit der Schwiegermutter, der lange Jahre anhalten wird, beginnt aber auch jene Unsicherheit, die Elisabeth nie mehr verläßt.