Jahr für Jahr 84 Fernsehspiele – Einer verantwortet „die ganze Palette

Der Wagen, ein betriebseigener Opel Rekord älteren Baujahres, gefahren von einem festangestellten Chauffeur jüngeren Datums, hält vor einem Gebäude milder Bürgerrepräsentanz in der Mainzer Woynastraße Nummer 6. Das mehrstöckige Haus, dessen Quader von rheinpfälzischer Solidität zusammengefügt sind (bis auf den Fahrstuhl, der gerade reparaturbedürftig war), strahlt außer seiner Wohlanständigkeit und seinem respektablen Biedersinn nichts von dem aus, was es bedeutet. Nämlich eine Popularität, die sich täglich bestätigt, eine Exportziffer, die in die allabendlichen Millionen geht – und einen literarischen wie dramaturgischen Umsatz, der in Kontinentaleuropa ohnegleichen ist.

Selbst der Raum im obersten Stockwerk, in dem der Chef dieses Hauses hinter seinem Schreibtisch sitzt, ist von betontem Understatement: Büromöbel, Sitzecke, Teppich, Gardinen vor dem Fenster und ein Fernsehgerät – eine Aufzählung, die nur dem Eingeweihten sagt, daß es sich hier um den Raum einer höheren Charge handeln muß; denn Sitzecke, Teppich und auch die Größe des Zimmers sind Privilegien eines leitenden Angestellten. Aber sonst?

Sonst deutet nur die Anwesenheit eines Bildschirmes an, daß man sich in der „Hauptabteilung Fernsehspiel und Film“ des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF) befindet. Stutzig wird der Ignorant erst, wenn sich sein Blick auf ein Photo konzentriert, das säuberlich gerahmt auf dem Fernsehapparat steht. Er betrachtet drei Herren in sichtlich freundschaftlicher Unterhaltung: Rupert Davies, der den Kommissar Maigret spielte, Professor Karl Holzamer, den Intendanten des Zweiten Deutschen Fernsehens – und Gerhard Prager, der sich mit diesem Photo gewissermaßen in Permanenz an den größten Erfolg erinnert, den seine Hauptabteilung in ihrer dreieinhalbjährigen Praxis an ihre Fahnen heften konnte.

Frappierende Mischung

Diese Hauptabteilung Fernsehspiel und Film – im Anstaltsverkehr kurz „Fsp/Fi“ genannt – ist in der Tat eine Ausnahmeerscheinung des europäischen Kulturbetriebes, eine frappierende Mischung aus Intendanz, Dramaturgie und Management, aber auch aus Kommerzialismus und Idealverhalten. Pragers Hauptabteilung stellt jedes europäische Theaterunternehmen, und wohl auch die meisten Kinofilmverleiher, geschweige denn Produzenten, quantitativ in den Schatten; denn: Diese Programmsparte liefert jährlich 84 abendfüllende Fernsehspiele, 66 kleine Fernsehspiele im Vorprogramm, 52 Dreiviertelstundenspiele und 52 Halbstunden-Sendungen mit Seriencharakter sowie etwa 80 abendfüllende Spielfilme.

Das ist ohne Frage immens. Eine Berliner Theaterbühne bringt es im Jahr beispielsweise auf acht bis zehn Premieren – eine Provinzbühne im besten Falle auf zwanzig. Bei der ARD, der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten, beim Ersten Fernsehen also, verteilt sich dieser Aufwand auf neun verschiedene Sender. Wenn es überhaupt einen Vergleich gibt, dann muß der Deutsche Fernsehfunk (DDR) herangezogen werden, der ähnlich zentral ausstrahlt wie das Zweite Deutsche Fernsehen.