Von Kurt Simon

Ichtrete eher zurück, als daß ich meine Ent-Scheidungwiderrufe.“ Ludwig Erhard, damals Wirtschaftsdirektor der aus der amerikanischen und englischen Besatzungszone zusammengestückelten Bizone, stand dem amerikanischen General Clay gegenüber. Der Chef der Militärverwaltung hatte den deutschen Honorarprofessor in sein Hauptquartier im Frankfurter IG-Farben-Hochhaus zitiert, um ihn wegen einer Rundfunkrede zur Rechenschaft zu ziehen.

Was war geschehen? Die drei westlichen Siegermächte hatten dem deutschen Volk gerade ihre harte und ungerechte Währungsreform verordnet. Die Wirtschaft wurde ebenso wie in den letzten Jahren des Hitlerregimes straff reglementiert. Zuteilungen, Bezugscheine und Preiskontrollen legten sie in eine Zwangsjacke. Millionen von Arbeitslosen lagen auf der Straße, die gesamte Bevölkerung hungerte. In dieser Situation war der deutsche Wirtschaftsdirektor der Bizone an einem Sonntag im Frankfurter Rundfunkhaus ans Mikrophon gegangen und hatte, ohne die Besatzungsmächte zu fragen, dem deutschen Volk eine gründliche Wirtschaftsreform verkündet. Zum Entsetzen der deutschen und alliierten Fachleute versprach er in dieser Lage die Einführung der freien Marktwirtschaft.

Wenn Erhard eine Bombe gezündet hätte, wäre die Wirkung nicht größer gewesen. Er hatte für seine sensationelle Ansprache einen Sonntag gewählt, weil die Militärbürokratie der Alliierten an diesem Tag nicht arbeitete. Am nächsten Tag kam sie dafür um so schneller auf Touren. General Clay wurde von seinen empörten Beratern bestürmt, den Rebellen wider die Besatzungsdiktatur sofort zu entlassen. Erhard hatte es gewagt, gegen die Gesetze und Verordnungen der Sieger zu verstoßen und gleichzeitig eine in ihren Augen unsinnige Politik eingeschlagen.

„Ich habe die Vorschriften nicht geändert, ich habe sie abgeschafft“, erklärte Erhard dem erstaunten General. „Aber alle meine Berater sind gegen Ihr Vorgehen“, antwortete Clay. Erhard blieb unerschüttert. „Sie stehen nicht allein da. Meine Berater sind auch dagegen.“

Wer in den letzten Wochen den Bundeskanzler auf der Regierungsbank des Bundestages sitzen sah, mit schmal gewordenen, verkniffenen Lippen, mißtrauischem und gequältem Gesichtsausdruck, konnte sich kaum noch vorstellen, daß dieser Mann vor nun fast zwanzig Jahren mit soviel Energie und Entschlossenheit handelte und dadurch wie kein anderer einer am Boden liegenden Nation Hoffnung und Glauben an ein besseres Leben wiedergab. Deutschland verdankt zu allererst Ludwig Erhard die Rückkehr in den Kreis der großen Industrieländer. An seinen Erfolgen kann niemand vorübergehen, der den schweren Weg aus der totalen Niederlage bis zu einem geachteten Mitglied der Völkerfamilie aufzeichnet.

An die Glanzzeiten müssen wir uns erinnern, wenn wir Erhards geschichtlicher Leistung gerecht werden wollen. Dann darf man nicht nur den gescheiterten Kanzler sehen, von dem nun selbst seine Freunde öffentlich bekennen, er sei als Regierungschef seinem fast weiblichen Einfühlungsvermögen erlegen, das ihn auch dort zum Nachgeben und zur Anpassung verleitet habe, wo er hätte kämpfen müssen. Dabei hatte der neue Kanzler schon den Anlauf genommen, um seiner wirtschaftspolitischen Leistung eine ebenbürtige Tat als Kanzler folgen zu lassen.